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"Verdammt!", dachte Christine, während sie sich in die eiskalten Fingerkuppen blies. Ja, jetzt war der Sommer endgültig vorbei. Die warmen Tage neigten sich dem Ende zu und morgens auf dem Fahrrad war es inzwischen wieder verflucht kalt.
Christine Claßen, bei ihren Freundinnen nur "Bine", war auf dem Weg zur Schule. Manchmal war es eine Plage, so nah an der Stadt zu wohnen, da ihre Eltern dachten, ein bisschen Bewegung vor der Schule würde ihren Töchtern ganz gut tun. So fuhr Bine nun jeden Tag in die Schule. Seufzend knetete sie an ihren Ohren, um sie wieder aufzuwörmen.
"Christine, es ist GRÜN, bist du eingeschlafen oder was?!", rief Luise genervt.
Luise, Bines kleine Schwester, war noch so eine Plage in Christines Leben, vielleicht sogar die größte. Klein, braunhaarig, nervig und ein elender Besserwisser.
"Ist ja gut, ist ja gut!"; murmelte Bine und trat in die Pedale. Wie jeden Tag, wie jede Woche, wie immer.
Die Wallstraße herunter, am Bahnhof vorbei, den elend schmalen Bürgersteig entlang der Schillerstraße, auf dem sich morgens immer so unendlich viele Menschen drängelten...
"Entschulding, dürfte ich mal gerade vorbei", ... murmelte Bine genervt und arbeitete sich langsam auf ihrem Fahrrad durch die Menge. Echt jeden Morgen das Gleiche.
Endlich war sie an der Schule, stiegt vom Rad und schob es an den nächsten Laternenpfahl.
"Och ne, bine!! Jetzt bin ich extra zwei Minuten früher losgefahren, aber du hast mir schon wieder den ersten Pfosten weggeschnappt!!"
Das war Maggie. Blond, lustig, frech und schon seit dem Kindergarten Bines Freundin.
Grummelnd schob sie ihr Rad an den zweiten Laternenpfahl.

„Hi“; sagte Bine. „Ist ja gut, morgen kriegst du ihn... Jetzt ha’m wir Deutsch, oder?“ „Jo. Bei der ollen Uschi. Wahrscheinlich jagt sie uns heute wieder durch die dumme Judenbuche. Echt, so ein Scheiß!“ „Ja, ja, das wissen wir mittlerweile alle.“, seufzte Bine. „Komm, wir gehen!“ „Biiineeee?!“ „WAS??“ „Ich hab’ meinen Fahrradschlüssel vergessen!“ Tja. Das war Bines Leben...
Nach einer hitzigen Diskussion mit Luise, die schließlich damit endete, dass Bine Luises Fahrrad neben ihres an den Laternenpfahl schloss, da sie sonst für den eventuellen Diebstahl des Rades verantwortlich gemacht worden wäre, drängten sich Bine und Maggie zwischen den zahlreichen Pärchen am Ballplatz durch zu ihrer Schule – einer Mädchenschule. Und nicht nur Christine bereute inzwischen ihre Entscheidung, die sie am Ende der 4. Klasse getroffen hatte. Mädchenschulen waren langweilig, konservativ und total out. „Sag mal, haben diese Willigisianer eigentlich nix besseres zu tun, als hier den Weg zu versperren?!“, hörte Bine Maggie neben sich knurren, während beide sich zwischen zwei besonders heftig knutschenden Pärchen hindurch drängten.
Das Willigis-Gymnasium war die Jungenschule, direkt neben dem Maria-Ward-Gymnasium, der Mädchenschule, die Christine und ihre drei Freundinnen besuchten. “Hey, schau mal, da kommt Anouk!“, rief Maggie und winkte ihrer sich durchkämpfenden Freundin zu.

"Anouk" hieß eigentlich Anjuli, ein freches, braunhaariges Mädchen, das immer einen guten Spruch auf Lager hatte. Schon kurze Zeit nachdem Bine und Maggie in die 5. Klasse gekommen waren, hatten sie sich gut mit Anjuli vrstanden und seit der 8. Klasse gab es kaum etwas, das die drei Mädels nicht zusammen unternahmen, Bine, Anju, Maggie und die 4. im Bunde: Josephine.
Zu dritt schleppten sich Anju, Bine und Maggie die verhassten Treppen zu ihrem Klassenraum im 3. Stock herauf.
"Ich muss erst mal aufs Klo!", keuchte Bine und verschwand in den widerlich stinkenden, dunkeln Raum.
"Bäh", war alles, was Maggie und Anju noch hörten, bevor sie in die Klasse gingen.
Eine Welle aus Mief, Lärm und Parfüm schlug ihnen entgegen und sie schleuderten ihre Taschen unter die Bank. Josi saß schon auf ihrem Platz, begrüßte sie mit einem Gähnen und fuhr sich durch die braunen Haare.
"Auch so gut geschlafen?", fragte sie. In diesem Moment kam Bine durch die Tür, immer noch die Nase gerümpft und sagte:
- die folgenden Worte mussten leider zensiert werden -
Nach sieben qualvollen, schrecklichen und anstrengenden Schulstunden stapften die Vier durch das Schultor.

Während Josi und Anjuli zum Schillerplatz gingen, wandten sich Maggie und Bine den Fahrrädern zu, wo Luise schon genervt auf sie wartete.

"Mann, ich wart hier schon seit einer Stunde!!", rief sie. Warum habt ihr auch immer nach der 7. aus?!"
"Frag das unsere Lehrer", meinte Bine und verdrehte die Augen. "Und denk' endlich mal an deinen Fahrradschlüssel!!"
Sobald sie an der Wallstraße angekommen waren, trat Luise kräftig in die Pedale und sauste dne beiden Großen davon.
"Kleine Schwestern... die müssen immer zeigen, wie toll sie doch eigentlich sind!", sagte Maggie grinsend und stieg von ihrem Rad ab.
"Fahr mal vor, Bine! Ich schieb heute den Berg hoch, nach diesem Scheißtag bin ich erstmal platt!
Also keuchte Bine alleine weiter. Endlich kam ein kleines Stück bergab. Sie hörte auf zu treten und fuhr den kleinen Hügel hinunter. Während sie iimmer schneller wurde, dachte sie noch einmal über die Schule nach. Was hatte der Baecker noch mal über diese komischen Funktionen gesagt?? Mathe war Bines Hassfach, und die ewigen Hausaufgaben erschienen ihr immer wie pure Folter.
Plötzlich hörte sie von rechts jemanden laut "Vorsicht!!", rufen und schon brauste aus einer Seitenstraße eine Gestalt auf Inlinern auf sie zu. Schnell bremste Bine ab, doch zu spät:
Auch der Skater konnte nicht rechtzeitig bremsen und es
KRACHTE.

"Mann, kannst du nicht aufpassen?!", sagte der Skater. Benommen richtete sich Bine auf und sah ihn an. Es war ein Junge. Genaugenommen war es sogar ein sehr gutaussehender Junge, ein schmales Gesicht, fesselnde Augen und blonde haare, also schöne blonde Haare, nicht so hell blond gefärbt, wie die Jungs aus Bines Konfikurs...
"Bist du verletzt?", fragte der Junge und seine Stimme klang schon nicht mehr ganz so ärgerlich, eher besorgt.
"Ähm... ich denke nicht...!", murmelte Bine und versuchte, den Jungen nicht allzudoll anzustarren.
"Gut...", druckste der Junge herum, und schaute Christine auf eine merkwürdige Weise an. Plötzlich drehte er sich schlagartig um und fuhr davon...
Bine wollte irgendwas sagen, ihm hinterherrufen, aber - "Hey Chrischl, was machst du denn für Sachen?", prustete Maggie, übers ganze Gesicht grinsend. "Legst du seit neuestem Jungs um?!"
"Ach komm, hör auf und hilf mir lieber", murmelte Bine. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr Knie zwischen dem Pedal eingeklemmt war und fürchterlich schmerzte.
"Ne, im ERnst, is alles in Ordnung??", fragte Maggie während sie Bines Fahrrad vom Boden aufhob, doch ein kleines Grinsen konnte sie sich nicht verkneifen.
Natürlich nicht, es musste auch ziemlich komisch ausgesehen haben, genau genommen war es ziemlich peinlich! Wahrscheinlich hielt der Typ sie jetzt für eine total blöde Tusse, die nicht radfahren und nicht mal anständig reden konnte.
Und dabei war er doch soo süß!!

Seufzend stieg Bine wieder auf ihr Fahrrad, das Maggie immernoch hielt und sie fuhren los. Immernoch war sie in Gedanken bei dem Jungen, der sie umgefahren hatte, und so kam es, dass Maggie noch zweimal "Vorsicht!" schreien musste, um Bine vor weiteren Unfällen zu retten.
Vor der haustür angekommen, zog sie ihren Schlüssel aus der Tasche und schloss die Tür auf. Luises Fahrrad stand schon im Flur. Zum Glück war ihre Schwester schon vorgefahren, sonst hätte sie sie wahrscheinlich den ganzen Tag aufgezogen und womöglich noch ihrer Mutter davon erzählt! Bettina Marloth-Claßen war, wie ihr Mann, Pfarrer und arbeitete in einem Hospitz. Manchmal ging es Bine ganz schön auf den Nerv, gleich zwei Pfarrer als Eltern zu haben!
Ihre Mutter war ja ganz okay, aber über Sachen wie DAS konnte man mit ihr einfach nicht reden! Sie würde wahrscheinlich gleich wieder mit ihrem "Wir-können-doch-über-alles-reden-und-ich-bin-doch-deine-Freundin"-Blick ankommen, was in letzter Zeit anscheinend zu ihrem Hobby geworden war.
„Christi-hiiine! Hallo? Bist du das?“, hallte die Stimme ihrer Mutter durch den Flur. „Das hat aber gedauert, komm, das Essen ist schon fertig!“
Seufzend schlüpfte Bine in ihre Hausschlappen und schlurfte in die Küche.
„Mensch, wie langsam fahrt ihr denn? Eure alten Knochen können wohl nicht mehr richtig arbeiten, oder?!“, neckte Luise, die schon mit sehnsüchtigem Gesicht am Esstisch saß.
Ohne ein Wort setzte sich Bine neben sie und ließ ihre Gedanken schweifen. Sie landeten –merkwürdigerweise- wieder bei dem hübschen Jungen. Wie konnte sie sich nur so bescheuert aufgeführt haben? Schon immer war es so gewesen, ihr passierten peinliche oder ärgerliche dinge und sie brachte kein anständiges Wort über die Lippen. Doch wie sie jetzt so da saß, fielen ihre tausende Sachen und gute Sprüche ein, die sie hätte sagen können. Immer war es das gleiche!
Missmutig stocherte Bine in ihrem Apfelpfannkuchen herum, klatschte Apfelmus darauf und rollte ihn zusammen. Sie mochte keine Pfannkuchen, aber ihre Mutter meinte, bei einer vierköpfigen Familie könnte sie auf Extrawünsche beim Essen keine Rücksicht nehmen. Das Telefon klingelte. Ihr Vater, der bis eben noch in ein tiefsinniges Gespräch mit ihrer Mutter verwickelt war, stand auf und verschwand mit den Worten „Es könnte ja jemand Wichtiges sein...“ im Flur. Kurz danach hörte Bine ihn sagen: „Ach, hallo Anjuli, kannst du vielleicht später noch mal anrufen, wir sind gerade beim Essen.“
„Halt, nein, ich bin schon fertig! Hab keinen Hunger mehr.“, rief Bine, warf ihre Gabel auf den Teller und stürzte aus der Küche. Es wurde Zeit, dass sie jemanden von dem Vorfall erzählte...
„Hi!“, keuchte Bine in den Hörer. „Was gibt’s?“
„Hi. Ich wollt’ nur noch mal fragen, welche Stunde morgen ausfällt, wenn wir die 1. frei haben... Das mit der Verlegung hab’ ich nicht gerafft!...“, sagte Anjuli.
„Klar“, meinte Bine und erklärte es ihr. Sie musste es einfach jemandem erzählen!
„Okay, also dann Mathe in der 4.“, drang es aus dem Hörer. „Und, was gibt’s sonst so bei dir?“
„och, nix“, sagte Bine. Was für eine Lüge!
„Heut’ Mittag ist zum Glück Fagott ausgefallen. Dieser dumme Messmer kotzt mich echt an! ‚Hach, Franziska, wie toll du das spielst!...’“
„Hm... na ja, okay. Dann bis morgen!“
Bine überlegte und fasste sich schließlich ein Herz. Wenn sie nicht bald mit jemandem darüber sprach, würde sie noch platzen!

„Ich bin heut’ Mittag mit ’nem Typ zusammengestoßen“; sagte sie. Na toll, lahmer hätte es ja wohl nicht sein können!
„Mit dem Fahrrad.“
„Und, ist dir was passiert?!“; fragte Anju besorgt.
„Ne. Na ja, außer –“
„Na, dann hast du ihn hoffentlich ordentlich zusammengeschissen!“, meinte Anouk.
„Hm, also eigentlich –“
„Mann, Bine! Da fährt dich so ein Vollidiot an, und du sagst auch noch ‚Danke’, oder was?? Echt!“
„Mann, Anju! Jetzt lass mich doch einfach mal ausreden!“, rief Bine wütend.
„Ist ja gut, sorry. Also, was ist jetzt?“
„na ja, dieser Typ – der mich angefahren hat – also, ich hab mich aufgerichtet und ihn angesehen... und, na ja, also eigentlich, ...äh...“
„Mensch, Bine! Sag bloß, du bist verliebt! Sag schon!!“
„Hm...“
„Jaaaa?!“, fragte Anju. Mann, hatte die noch nie was von Sozialverhalten und Privatsphäre gehört?! Die quetscht einen ja aus wie ’ne Saftorange!, dachte Bine. Allerdings hatte sie ja auch davon erzählen wollen...
„Okay, ja. Süß ist er schon“, meinte sie schließlich.
„Aha!“, tönte es vom anderen Ende der Leitung. „Und, wie sieht er aus?“

Bine holte tief Luft: „Einfach so geil! Echt, Annu, ich schwöre dir, so ... echt, man kann das gar nicht beschreiben, du musst den mal geseh’n haben, der ist so – voll –“
, da stockte Bine, erst jetzt wurde ihr klar, dass Anju ihn nie sehen würde – und nicht nur Anouk, auch Bine würde ihm vermutlich nie wieder begegnen.
„Hey Chrischel, bist du noch da?“, dröhnte Anjus Stimme aus dem Hörer.
„Jaja, klar.“ Das inzwischen vertraute Gefühl der letzten zwei Stunden breitete sich in Bine aus, das Gefühl, versagt zu haben.
„Hey, Bine, was ist los?? Du bist so still!“
„Ja, ich ... ich bin grad nicht so toll drauf, äh...“, sie räusperte sich. „Sorry.“
„HÄ?! Wieso das denn jetzt auf einmal, ich dachte, du bist verlie-hiebt?!“
„Mann, guck doch mal!“ Ich hab’ keine Ahnung, wie er heißt, weiß nicht, wo er wohnt – ich weiß gar nix! Und wiedersehen tu’ ich ihn bei meinem Pech wahrscheinlich auch nich’...“
„Hmmm... Oh du, sorry! Meine Mutter kommt grad’“, sagte Anju genervt. „Ich muss noch Klavier üben... Na toll. Aber ich lass’ mir was einfallen, okay?“
„Okay. Bis morgen.“ Resigniert legte Bine auf. Den Rest des Tages verbrachte sie damit, stinklangweilige Hausaufgaben für ihren Lateinlehrer Herrn Finkenauer, bei den Schülern kurz ‚Finki’, hinzukritzeln und Fagott zu üben. Doch das, was sie heute zusammentrötete, fand sie selbst so scheußlich, dass sie schließlich nach einer Viertelstunde aufgab und den Rest des Tages vor sich hingammelte – nur zeitweise unterbrochen von Protestaktionen ihrer Mutter.
Und dann – ein neuer Morgen: aufstehen, umziehen, kritisch das Äußere in Ordnung bringen, ein bisschen trockenes Käsebrot herunterwürgen und dann rauf aufs Fahrrad. Ihr Knie war übernacht angeschwollen – ihr Knie? Ach Quatsch! Eine einzige blau-grün-violette Beule befand sich dort, wo gestern noch ein Knie gewesen war.
Im Klassenraum angekommen stürmten ihr gleich Jose und Maggie entgegen.
„Hey Chrischdel, wieso hast du mir das nicht gleich erzählt??“
„Was erzählt?“
„Also echt, du hättest uns doch anrufen können...!“
„Aber ... wieso denn?“
„Oder wenigstens ’ne SMS schreiben, also echt. Chrischdel, das wird sau Hammer, wir –“
„- WAS WIRD SAU HAMMER???“, schrie Bine wütend.
„Hey, is’ doch gut, schrei nicht so, sonst weiß es gleich die ganze Klasse!“; flüsterte Maggie beschwichtigend.
„Okay!“, Bine konnte sich jetzt nur noch schwer beherrschen, und als sie weitersprach zitterte ihre Stimme ein wenig. „Entweder, ihr sagt mir jetzt sofort, wovon ihr da faselt, oder ihr hört ganz auf zu reden, okay?“
„Ist ja gut, also... Annu hat uns angerufen“, nuschelte Jose.
„Weil du uns ja nicht benachrichtigen wolltest!“
„Ist gut, Maggie, also Anju hat uns von ... na ja, von deiner kleinen Bekanntschaft erzählt.“
„Was für -, ich mein, wen hab ich denn –“, Bine schwante böses...
„LUKAS!“, riefen Maggie und Jose wie aus einem Mund.

Jetzt war Bine platt. Lukas! Er hieß also Lukas, natürlich – wie auch sonst. Bine konnte sich keinen anderen Namen für ihn vorstellen. Sie schaute in die freudig-erwartenden Gesichter ihrer Freundinnen und bemerkte nicht einmal, dass sie ihre Tasche falsch herum auf den Tisch stellte.
„Aber, aber – woher wisst ihr –“
„ICH weiß!“, berichtigte Maggie und sammelte Bines Mäppchen, Brotdose und Mathebuch vom Boden auf.
„Er heißt Lukas Jahnen, und ich hab’ gleich gewusst, dass da irgendwas zwischen euch war. Der ist bei uns in der Gemeinde, und – na ja, also seine Eltern sehen ziemlich komisch aus. Er hat auch noch ’ne kleine nervige Schwester, und soweit ich weiß noch mindestens einen großen Bruder. Also, aber ich kann die beruhigen, also so schrecklich sind seine Eltern nun auch wieder nicht, aber, eigentlich doch, aber er kommt bestimmt nicht so sehr nach seinen Eltern, also vom Aussehen her auf keinen Fall, du hast dich bestimmt nicht in einen Schwachkopf verknallt!“
„Ver-verknallt – ich?“, stammelte Bine und verschaffte Maggie damit eine Atempause.
„Anju hat uns alles erzählt, und Maggie hat ihr und mir dann vom „Unfall“ erzählt, und ... naja, wir sind nicht blöd!“, grinste Jose.
„Genau, wir können 1 und 1 zusammenzählen!“
„Aha.“ Bine setzte sich auf ihren Stuhl.
„Na dann. Aber da wäre immer noch das Problem, dass ich ihn wahrscheinlich nie wieder sehen werde!“
In diesem Moment keuchte Anju durch die Tür.
„Bine! Weißt du was, also ich hab’ was neues, und das ist voll cool und –„
„Guten moorgen!“, tönte es ihr dreistimmig entgegen.
„Jetzt hock’ dich doch erst mal hin und verschnauf ’n bisschen!“; meinte Maggie. Doch Bine war schon aufgesprungen.
„Was?“; rief sie. „Sag schon, kennst du ihn etwa auch??“
„Naja, nee, eigentlich nicht. Aber Maggie hat mir gesagt, dass der Typ Lukas Jahnen heißt, oder?“
„Und?!“
„Meine Eltern geh’n zu einem Zahnarzt, der heißt Jahnen!“
„Super.“ Enttäuscht ließ sich Bine auf ihren Stuhl sinken.
„Weißt du eigentlich, wie viele Jahnens es wahrscheinlich in Mainz gibt?“
„Nee, jetzt wart’ doch mal. Das passt alles ganz genau! Meine Mutter war letztens da, und du weißt doch, wie Eltern so sind – labern über ihre pubertierenden, schrecklichen Kinder, und so das Übliche halt. Und die Jahnen hat erzählt, sie hätte einen Sohn namens –„
„Lukas!“, riefen die anderen im Chor.
„Geil!“, rief Bine zurück.
„Und denkst du, ich könnte ihn irgendwie kennen lernen?!“, flüsterte Bine jetzt, da bei ihrem Geschrei ihre anderen Mitschüler langsam aufmerksam wurden.
„Denk’ schon. Geh’ doch einfach mal wieder zum Zahnarzt...“, grinste Anju.

„Oh“, meinte Bine. „Jaahhh, vielleicht.“
„Sag jetzt nicht, dass du Angst vor’m Zahnarzt hast!“, stöhnte Maggie.
„Doch.“
„Ooooch, Chrischel!“, lachte Anju. „An so ’ner Fitzelei hängt jetzt deine große Liebe!“
Ärgerlich, aber lächelnd stieß Bine ihr den Ellenbogen in die Seite.
„Aha, große Liebe ... soso!“, mit einem hämischen Grinsen schlenderte Anna-Lena, eine der größten Tussen der ganzen MWS auf sie zu, warf mit einem Schwung ihre langen blonden Haare zurück und drängte sich zwischen Maggie und Jose, die beide immer noch um Bines Tisch herumstanden.
„Uäh, bitte Anna! Tu’ mir den Gefallen und beug’ dich nicht noch mal so nach unten. Beim Anblick deines Push-ups wird mir schlecht!“, sagte Anju angewidert.
„Tze, so was muss ich mir nicht sagen lassen!“ Anna riss die stark geschminkten Augen auf.
„Also echt! Besser Push-ups als so rumzulaufen wie du! Du siehst ja aus wie’n Brett.“
Bine, die am nächsten stand, wollte sich auf sie stürzen, doch Maggies und Josis Reflexe waren in solchen Situationen schon geprüft. Schnell packten sie Bine von hinten und meinten: „Lass sie! Sie ist es nicht wert.“
Knurrend zog sich Bine zurück. Anna war inzwischen hinternwackelnd abgezogen.
“Mann, was ’ne blöde Kuh!“, stöhnte Maggie genervt. In dem Moment wurde es in der Klasse still, sie hörten das Geräusch der sich schließenden Tür - und setzten sich augenrollend auf ihrer Stühle, während ihre Deutschlehrerin Fr. Hartmann den Mittelgang aufs Lehrerpult zu schlurfte.

Eine Woche verging ohne nennenswerte Vorkommnisse. Nachdem Bine am dritten Tag nach dem Zusammenstoß einen verzweifelten Wutanfall bekommen hatte, als Josi sie davon überzeugen versuchte, doch zum Zahnarzt zu gehen, hatten Anju, Maggie und Jose das Thema nicht mehr angesprochen. Eigentlich wollte Bine ihnen dankbar sein, schließlich hatte sie sich dauernd unter Druck gesetzt gefühlt, doch jetzt?! Jetzt war der Alltag wieder da – und Lukas war weg. Tief in ihrem Innern, das wusste Bine, wollte sie mit ihren Freundinnen über genau dieses Thema reden, am liebsten die ganze Zeit.
Als sie wieder einmal – wie so oft in letzter Zeit – in ihrem Zimmer gammelte, stand sie kurzentschlossen auf und ging in die Küche.
„Mama, wo bist ’n du?“, rief sie.
„Ich bügel’ gerade, du machst ja nichts mehr. Was ist?“
„Wo iss’n das Telefonbuch? Im Flur unterm kleinen Tisch find’ ich’s nicht.“
„Das hatte ich vorhin, liegt auf dem Esstisch. Wen willst du denn anrufen?“
„Och, nur so ...“, murmelte Bine zusammenhangslos und ging ins Esszimmer. Da lag es unschuldig neben der Wasserflasche. Hastig nahm Bine es in die Hand und schlug die Seite mit „J“ auf.
‚Jaare’ ... ‚Jabol’ ... ‚Jacke’ – wie konnte jemand ‚Jacke’ heißen, dachte Bine und wanderte mit den Augen weiter über das Blatt. ‚Jahnen, Hermann’, ‚Jahnen, Ulrike und Rolf’. Mein Gott, dachte Bine, wie viele gibt’s denn eigentlich? Doch dann stand es da, schwarz auf weiß: ‚Jahnen, Zahnarztpraxis’ – Jakob-Steven-Str. 8. Aha. Mit zitternden Fingern griff Bine zum Hörer. Schnell tippte sie die Nummer ein.
‚Tuut’ – ‚Tuut’ – Zahnarztpraxis Dr. Jahnen, Schönberg, guten Tag?“, klang eine weibliche Stimme aus dem Hörer.
„Hallo? – Kann ich Ihnen helfen? Haallo!“

Bine hörte, wie es leise ‚Klack’ machte und die Verbindung unterbrochen wurde. Sie atmete tief durch. Das gab es doch nicht! Jetzt hatte sie es geschafft, dort anzurufen – und dann noch nicht mal einen Ton rausgebracht!

Sie atmete noch einmal tief durch, dann griff sie entschlossen wieder zum Telefon und drückte auf ‚Wahlwiederholung“. Wieder war die Schönberg dran, doch diesmal antwortete Bine.

„... Guten Tag?“

„Hallo, ich würde gerne einen Termin ausmachen“, sagte Bine.

„Und Ihr Name?“, die Stimme klang genervt.

„Christine Claßen.“ Auch Bines Stimme wurde kühl, sie konnte es nicht haben, wenn Leute so unfreundlich waren.

„Waren Sie schon einmal bei uns?“

„Nein!“

„Einen Moment, bitte –,“ Bine hörte Blätter rascheln – „Passt es Freitag? So um 16:30 Uhr?“

„Ja, das ist okay“, meinte Bine – das waren nur noch zwei Tage!

„Also, die übliche Vorsorgeuntersuchung, ja?“

„Hm.“

„Tschühüüss!“ Tschüss, dachte Bine und legte auf. In zwei Tagen also... Sie hatte es tatsächlich getan, in zwei Tagen hatte sie ienen Termin in der Zahnarztpraxis. Angewidert verzog sie das Gesicht. Schon beim Gedanken an eine saubere, weiße, beißend klinisch riechende Praxis bekam sie einen ekligen Geschmack in den Mund. Warum hatte sie das nur getan?! Plötzlich hatte sie das Gefühl, einen schweren Fehler begangen zu haben, den sie nicht mehr rückgängig machen konnte. Und das nur wegen einem dahergelaufenen Jungen, den sie etwa 30 Sekunden lang gesehen hatte ... Dieses schreckliche Gefühl schien sie fast zu erdrücken. Schnell griff sie wieder zum Telefonhörer und tippte die Nummer von Jose ein. Wie automatisch flogen ihre Finger über die Tasten und drückten die vertrauten Zahlen. Wie oft schon hatte sie diese Nummer gewählt? Schon bei dem Gedanken, gleich mit jemandem reden zu können wurde ihr etwas wohler. Es gab einfach nichts besseres auf der Welt als Freundinnen ...


Der Donnerstag verging mehr schlecht als recht und als Bine abends im Bett lag und an die weiße Zimmerdecke starrte, wurde ihr schon bei dem Gedanken an den morgigen Tag übel. Das lag nicht allein daran, dass sie zum Zahnarzt musste – was, wenn das wirklich seine Eltern waren? Was, wenn er zufällig in der Praxis war? Was, wenn er sie sehen und wiedererkennen würde? Würde er sie darauf ansprechen? Und was um Himmels willen sollte sie dann bloß sagen?!...

Nach einer unruhigen Nacht schleppte sich Bine in die Schule. Den ganzen Vormittag hörte sie nur mit halbem Ohr zu. Schließlich hievte sie sich um zwei Uhr auf ihr Fahrrad und fuhr mit Maggie los. Maggie versuchte immer wieder, sie in ein Gespräch zu verwickeln, doch schließlich kam Bine zu Hause an und fühlte sich immer noch gleich mies wie am Morgen. Bines Mutter hatte mit großer Verblüffung zur Kenntnis genommen, dass ihre Tochter freiwillig zum Zahnarzt gehen wollte, doch hatte lieber nichts gesagt, um Bine nicht doch noch umzustimmen. Also schleppte sich Bine um zwanzig nach vier aus dem Haus. Die Zahnarztpraxis war nur wenige Minuten entfernt, doch Bine kam es wie eine zweistündige Wanderung vor. Geschafft kam sie vor der Tür an. Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft gehabt, sich noch irgendwie zurechtzumachen. Ihre blonden Haare waren ziemlich strubbelig, und sie hatte ausgerechnet das T-Shirt an, das sie heute morgen in aller Eile noch aus dem Wäschekorb gezogen hatte. Schnell, um sich nicht noch weiter zu verunsichern, klingelte sie an der Tür.

„Hoffentlich brabbel’ ich nicht wieder nur rum“, sandte sie noch kurz ein Stoßgebet gen Himmel und trat durch die summende Tür. Sie stand sofort vor einer Frau, von der sie hätte wetten könne, dass es die Schönberg war. So richtig unecht blondgefärbte Haare, mindestens zwei Zentimeter dick Make-up und Lippen, pinker als Barbies Ballkleid in ‚Schwanensee’.

„Guten Tag?!“, sagte sie und zog eine ihrer feingezupften Augenbrauen hoch – etwas, das Bine trotz langem üben noch nie geschafft hatte.

„Äh ... ja“, meinte sie. – Nicht brabbeln!! - „Also, ich habe einen Termin bei Ihnen. Christine Claßen.“

Die vermutliche Schönberg blätterte gelangweilt durch die Patientenkarteien.

„Ah ja, Vorsorgeuntersuchung.“ Sie sprach das Wort so aus, dass Bine schon bei dem Gedanken daran kalte Hände bekam.

„Bitte nehmen Sie noch einen Moment im Wartezimmer Platz.“ Sie zeigte auf eine strahlend weiße, bedrohlich wirkende Tür.

Aus dem Moment wurde, wie immer beim Arzt, eine gute halbe Stunde, und Bine wurde mit jeder Sekunde nervöser. Sie blätterte genervt durch eine ‚Brigitte’, die nichts besseres zu tun hatte, als ihr zu sagen, dass sie klamottenmäßig mal wieder total out war. Genervt ließ Bine die Zeitschrift sinken. Ein alter, dicker Mann kam zurück ins Wartezimmer, um seinen Mantel zu holen, und kurz darauf ertönte von draußen auch schon eine Stimme: „Christine Claßen, Behandlungszimmer 1, bitte!“ Langsam stand Bine auf und schlurfte auf den Flur. Sie ging auf die erstbeste Tür zu und zog sie auf.

„Zimmer 1 ist hier links“, hörte sie da die Schönberg hinter sich. Mist. Bine schaute vor sich und sah, dass sie vor dem Ausgang stand. Wie gerne würde sie jetzt einfach aus dieser schrecklichen Praxis herausspazieren! Doch dann dachte sie wieder an diese unbestechlichen Augen und ging entschlossen auf Zimmer 1 zu. Dort drinnen stank es noch schlimmer nach Desinfektionsmittel als draußen. Seufzend nahm sie auf dem kalten Lederstuhl platz und betrachtete misstrauisch die zahlreichen Geräte, die auf dem Regal an der Wand lagen. Auf dem glänzenden Metall blitzte ein Lichtreflex auf, als die Tür aufging. Eine blonde Frau kam herein. Sie lächelte Bine an.

„Hallo, ich bin Dr. Jahnen“, meinte sie. „Du bist zum ersten Mal hier, nicht wahr?“

Bine nickte. Sie betrachtete Frau Jahnens Gesicht. Ihre Nase hatte die gleiche Form wie die ihres Sohnes, doch ansonsten konnte Bine keine Ähnlichkeiten feststellen. Fr. Jahnen setzte sich auf ihren Hocker und rollte zu Bine heran.

„Wollen wir mal schau’n, was deine Zähne so machen!“, meinte sie fröhlich. Bine wurde ganz schlecht, als sie den kalten Spiegel in ihrem Mund fühlte.

„Immer schön weit aufmachen“, murmelte es über ihr. Da klopfte es an der Tür. Bine konnte durch das Glas nur einen verschwommenen Umriss aufmachen, doch da ging auch schon die Tür auf. Bine schielte mit immer noch offenem Mund unter Dr. Jahnens Arm durch – nein.

Alles, nur nicht das.


„Mama? Hier sind die Patientenakten, die du vorhin gesucht hast. Sie lagen im Esszimmer auf dem Schrank, hab’ ich doch gleich gesa –“, Lukas Jahnen stockte. Bine hätte am liebsten all diese lebensgefährlichen Aparillos aus ihrem Mund gerissen, im Boden so lange gebuddelt, bis Sand kam, und dann ihren Kopf ganz tief dort hineingesteckt. Sie spürte, wie Lukas sie ansah. Unauffällig drehte sie den Kopf ein kleines Stück zum Fenster hin. Alles an ihr war angespannt. Ihr Kopf schien wie gelähmt, fast automatisch kniff sie die Augen zu. Neben ihr drehte sich Frau Jahnen auf ihrem Stuhl herum.

„Ja, in Ordnung, Lukas. Du siehst, ich habe gerade eine Patie –“ Bine hörte eine Tür knallen und gedämpfte Schritte, die sich entfernten.

„Lukas? Lukas!!“

Vorsichtig blinzelte Bine zwischen ihren Augenlidern hindurch und sah, wie Frau Jahnen sich kopfschüttelnd zu Bine umdrehte, von Lukas war nichts mehr zu sehen.

„Verstehe ein Mensch seine Söhne...!“ Milde lächelnd widmete sich Dr. Jahnen wieder Bines Zähnen. Bine versuchte, ein Keuchen zu unterdrücken. Ihr Gehirn wollte einfach keinen richtigen Gedanken mehr fassen. Sie hatte ihn tatsächlich noch einmal gesehen, eben gerade! Und wieder hatte sie sich benommen wie ein Kleinkind. Klar hatte sie sich erhofft, ihn hier zu treffen, nur deshalb hatte sie ja ihre Angst vor dem Zahnarzt beiseite gestellt! Aber in ihren Gedanken hatten sie sich schüchtern im Wartezimmer unterhalten, oder sich zufällig vor der Tür getroffen. Wenn sie wenigstens gelächelt hätte! Andererseits, wie hätte sie das anstellen sollen, mit all diesen Geräten im Mund??

„Nein, wirklich ... Jungen in der Pubertät ...“, fuhr Fr. Jahnen fort. „Und da sagt man immer, Mädchen seien so problematisch.“ Sie seufzte. „Der unhöfliche junge Mann da eben war übrigens mein Sohn Lukas“, fügte sie erklärend hinzu. Bine hoffte, dass Dr. Jahnen die Schweißperlen auf ihrer Stirn nicht bemerkte. ‚Schluss jetzt!’, fuhr sie sich innerlich an. ‚Hör auf, hier alles nur noch schlimmer zu machen! Es ist nur ein Junge! Nur ein Junge...’ Bine blinzelte in das helle licht der riesigen Lampe über ihr und betrachtete das Gesicht von Fr. Jahnen. Sie sah ihrem Sohn wirklich nicht besonders ähnlich ... über ihrer Nase legten sich kleine Falten ... ‚Entweder hat sie gerade ein Loch entdeckt, oder der Gedanke an ihren Sohn lässt sie besorgt aussehen ...’, dachte Bine.

Es schien doch der Gedanke an ihren Sohn zu sein. „Ich habe drei Söhne, Lukas ist der jüngste ...“, fuhr Fr. Jahnke fort, während sie mit einem spitzen Gerät an Bines Zähen kratzte. „Auch seine Brüder haben diese Zeit schon hinter sich, und meine kleinste Tochter hat sie vermutlich noch vor sich, die Pubertät ... Naja, du steckst ja selber in so einer Phase, nicht wahr? Wie alt bist du eigentlich? 14? 15?“

„Hierdsehn!“, krächzte Bine mit offenem Mund.

„Fünfzehn? Lukas ist gerade sechzehn geworden.“, sie lächelte. „Deine Zähne sind weitgehend in Ordnung, bei den hinteren Backenzähnen müssen wir mal wieder eine Versiegelung machen, ich weiß nicht, ob dein voriger Zahnarzt das bei dir ausreichend gemacht hat. Dauert nicht lang ...“, murmelte Dr. Jahnen, während sie sich über eine Schublade beugte.

„Bist du alleine hier?“, fragte sie, doch ihre Stimme klang nicht wirklich interessiert. Bine nickte. Ihr Herz hatte sich wieder beruhigt und ihr Kopf wurde klarer. Versiegelung? Was zum Teufel war das?! Aber ihre Zähne waren einigermaßen in Ordnung, hatte Fr. Jahnen gesagt. Bine konnte nicht leugnen, dass ihr dabei ein riesen Stein vom Herzen fiel – wenigstens würde sie jetzt nicht gebohrt werden. Das Glücksgefühl verschwand allerdings schlagartig, als sich Dr. Jahnke mit mehreren langen Gegenständen in der Hand wieder aufrichtete.

„Na ja, also ich möchte dir hier ja keine Lügen erzählen...“, sagte Frau Jahnen und fing schallend an zu lachen. Keine Lügen? Aha!, dachte Bine, es war also doch eine Lüge gewesen, dass ihre Zähne in Ordnung waren...

Doch wieder sprach Frau Jahnke von etwas anderem:

„Lukas ist noch der unkomplizierteste von meinen Kindern... also Matthias und Jonas, meine beiden Ältesten, waren in diesem Alter noch schlimmer! Lukas hat ja wenigstens seinen Sport“, sagte sie, während sie runde Wattebäusche zwischen Bines Backe und Zähne stopfte.

„Lukas fährt Schlittschuh, musst du wissen, also Eisschnelllauf.“ Die Watteröllchen in Bines Mund saugten sich mit Spucke voll; ein echt widerliches Gefühl.

„Jetzt den Sommer über ist er aber geskatet, leistungsmäßig, versteht sich...“, brabbelte Frau Dr. Jahnen weiter, während sie ein längliches Gerät in Bines Mund schob, ein saugendes Geräusch ertönte und Bine spürte, wie ihre Spucke aus dem Mund gesaugt wurde. Ekelhaft.

„Also Lukas ist wirklich sehr sportlich, er fährt sogar jeden Tag auf Inline-Skates zur Schule, bis runter zum Willigis...“ Willigis? Lukas ging aufs Willigis?!

„Auf welche Schule gehst du eigentlich? Hattest du nicht was vom Schloss gesagt?“

„Wawia-Ward“, würgte Bine hervor. „Mawia-Ward-Schule!“

„Oh, da müsstest du Lukas ja hie und da sehen“; meinte Frau Jahnen erfreut. „Du kennst ihn ja jetzt...“

„Mhmmm....“

„So – fertig!“, sagte Frau Jahnke zufrieden. „Jetzt sind deine Zähne erst mal gut geschützt. Lass’ dir am besten von Frau Schönberg einen Termin in etwa einem halben Jahr geben, wieder zur Vorsorgeuntersuchung.“ ‚Bestimmt nicht’, dachte Bine, während sie sich von Frau Dr. Jahnen verabschiedete. Sie drückte sich ins Wartezimmer, schnappte ihre Jacke und stürmte aus der Praxis – diesmal zum Glück durch die richtige Tür.

‚Er geht wirklich aufs Willigis!’, dachte Bine verblüfft, während sie nach hause rannte. ‚Wieso ist er mir bloß noch nie aufgefallen?!’ Zu Hause fragte ihre Mutter natürlich sofort nach ihren Zähnen, doch Bine verschwand mal wieder mit einem undefinierbaren Murmeln in ihrem Zimmer. Was, wenn er ihr nun morgen wieder über den Weg lief? Oder einfach so am Ballplatz auftauchte?! Doch allerdings hatte sie ihn vier Jahre nie bemerkt... Und zu ihrer Erleichterung verlief die nächste Woche ohne weitere Begegnungen mit Lukas Jahnen.

Dann aber, es war genau eine Woche und zwei Tage nach Bines Zahnarztbesuch, standen Bine und Anju auf dem Ballplatz und warteten auf Maggie, die ihren Schülerausweis im Sekretariat neu stempeln lassen musste, und auf Josie, die Maggie begleitete. Es war Mitte Oktober, und die Luft roch eindeutig nach Winter. Wenn man sich so auf dem Ballplatz umguckte, sah man schon viele Daunenwesten und gefütterte Jacken, doch Bine war immer noch ihrem Fahrrad treu geblieben. Sie hörte das Klingeln der Schulklingel, der Beginn zur 5.Stunde... Sie würden zu spät zu Physik kommen, doch genaugenommen machte das weder Bine, noch ihren drei Freundinnen etwas aus. Die Mädchen-Masse auf dem Ballplatz verdünnte sich und alles strömte zurück in die Klassenräume... Doch Jose und Maggie wollten einfach nicht auftauchen.

„Sag mal, wie lang kann es dauern ein kleines Stempelchen auf ein kleines Papierchen zu drücken?“, stöhnte Annu genervt und verdrehte die Augen. Doch Bine antwortete nicht. Auf der anderen Seite des Ballplatzes, Richtung Willigis, näherte sich eine geschwätzige Gruppe Jungen. Es sah ganz nach einem Unterrichtsbesuch aus. Die Jungen schienen ungefähr in ihrem Alter zu sein. Die ersten paar Tage nach dem Zahnarztbesuch hatte Bine jedem Jungen, der ihr über den Weg gelaufen war, fast panisch zuerst ins Gesicht geschaut, doch Lukas war nie dabei gewesen. Doch trotzdem fing Bines Herz beim Anblick dieser harmlosen Schulklasse ungewöhnt schnell zu klopfen an. Was, wenn er diesmal wirklich dabei war?! Der da, ziemlich in der Mitte der Gruppe mit einem grauen Kapuzenpulli könnte es sein.



So unauffällig wie möglich versuchte Bine, den mutmaßlichen Lukas Jahnen weiter zu beobachten und als die Gruppe sich näherte, war sie sich ganz sicher. Diesmal war er es wirklich. Da vorne war Lukas. Bine kniff die Augen zusammen und versuchte, das alberne Gefühl in ihr loszuwerden, doch bevor sie auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte, drehte Lukas sich um – und sah ihr direkt ins Gesicht. Bine sah, wie sich seine Augen verblüfft weiteten und spürte, dass sie genau so verblüfft zurück starrte. Als sie bemerkte, was sie da eigentlich tat, senkte sie schnell den Kopf und musterte ihre eiskalten Fingerkuppen. Sollte sie sich wirklich schon wieder wie ein Dummkopf benehmen, der noch nicht einmal wusste, wie man lächelte?! Vorsichtig hob sie wieder den Kopf und sah, dass Lukas sich immer noch zu ihr umdrehte. Als er ihren Blick bemerkte, lächelte er ihr vorsichtig und total freundlich zu – und Bine grinste verlegen zurück.

„Ist er das??!“, hauchte Anouk neben ihr und starrte Lukas hinterher, der jetzt mit seiner Klasse Richtung Innenstadt davonzog.

„Das war Lukas Jahnen, ja“, antwortete Bine. Irgendwie fühlte sie sich gerade total glücklich.

„Ou Mann, Bine, der sieht verdammt gut aus, und hast du gesehen, wie er dich angelächelt hat?!“, meinte Anju, total hibbelig. In dem Moment kamen Maggie und Jose aus dem Sekretariatsgebäude gestürzt und fingen auch gleich an zu schimpfen.

„Oooh Mann, sorry, dass wir so spät sind!“

„Diese dumme – heeey, was is’n mit euch los? Anju, du siehst total überdreht aus und Bine, du strahlst wie ein Honigkuchenpferd!“, prustete Maggie. „Ha’m wir was verpasst?“

„Jaah, allerdings!!“; strahlte Anouk und in ihren Augen lag pure Romantik...

In einer halben Minute war die Geschichte erzählt.

„Und er hat dir echt zugelächelt?!“, fragte Maggie, als sie sich langsam auf den Weg zu Physik machten. „Ja, Mann!“, sagte Bine, doch ihr wollte eine genervt klingende Stimme einfach nicht gelingen. Noch immer sah sie das schüchterne Lächeln auf seinen Lippen vor ihren Augen. Was er jetzt wohl in der Stadt machte? Sie waren vor ihrem Physiksaal angekommen und Anju machte leise die Tür einen Spalt auf. Herr Roth teilte gerade kompliziert aussehende Messgeräte und Arbeitsblätter an die anderen aus, es war ziemlich laut in der Klasse. Also drängten sich die vier unauffällig durch die Tür und schlichen sich auf ihre Plätze. Falls Herr Roth sie bemerkte, so sagte er jedenfalls nichts. Während Josi sich an Hannah in der Reihe vor ihnen wandte, um herauszufinden, was es mit den komischen Gerätschaften auf ihren Tischen auf sie hatte, setzte sich Bine einfach hin und starrte geradeaus. Vom restlichen Schultag bekam sie (mal wieder) nicht allzu viel mit...

Zu Hause setzte sie sich trübselig an ihre Hausaufgaben und löffelte einen Joghurt in sich hinein. Ihre Eltern waren heute beide arbeiten und Luise wollte bei irgendeiner ihrer Freundinnen übernachten. Bine überlegte. Nachdem sie die gesamte letzte Woche nach einer Spur von Lukas gesucht hatte und sich dabei aber total unsicher war, ob sie ihn anschauen oder sich verstecken sollte, hatte sie jetzt den dringenden Wunsch, ihn noch mal wiederzusehen – vielleicht sogar ein bisschen länger. Das Treffen löste in Bine etwas mutigere Gefühle aus. Schließlich war er es doch, der zuerst gelächelt hatte, oder?! Doch vor ihr lag ein ganzer Haufen an Arbeitsblättern, Texten und Notizen, also machte sie sich seufzend daran, ihn heute wenigstens etwas kleiner zu bekommen.

Auch ihre Freundinnen schienen nun endgültig von der Sache mit Lukas ergriffen zu sein. Jose und Anju sagten dauernd, dass Lukas wirklich gut und auch echt nett aussehe. „ ... Ich mein – natürlich bin ich nicht verliebt in ihn, ist nicht so mein Typ, aber – also, dass du jetzt nicht denkst, ich fänd’ ihn blöd oder so, weißt du, er ist echt –“ „Jaja“, unterbrach Bine Anjus Gebrabbel, als sie gerade in den 3. Stock hochschnauften. „Ich weiß.“ Doch auch die Begeisterung ihrer Freundinnen zauberte Lukas nicht her, und Bine sehnte sich so sehr danach, ihn zu sehen. Er musste ja nicht mit ihr reden, sie wollte nur mal wieder seine zerstrubbelten Haare sehen, seine Augen und seine Nase. Doch zwei Wochen tat sich erst mal gar nichts. Sie schrieben in der Schule jetzt ziemlich viele Arbeiten – Bine fragte sich dauernd, warum die Lehrer nicht einmal Rücksicht nehmen und ihre blöden Arbeiten mehr über das Jahr verteilen konnten -, und alle waren im Stress mit dem vielen Stoff. Gerade hatten sie eine echt schwere Lateinarbeit hinter sich und Bine war sich sicher, dass sie die Hälfte der Vokabeln komplett falsch übersetzt hatte. Und wer sollte sich dann bitte noch diese ganzen blöden Endungen merken?? –Us und –i, oder wie auch immer das Perfekt gebildet wurde. Gerade als es läutete, kam Anju auf sie zugerannt.

„Und, wie war’s?“, fragte sie gespannt Josi, Maggie und Bine. Anju hatte Spanisch statt Latein gewählt.

„Frag lieber nicht“, meinte Bine und sie gingen in Richtung Ballplatz.

Sie fanden einen Platz, wo sie sich hinstellen konnten und Maggie packte ihre Wasserflasche aus. Gerade, als sie sie zum Trinken anhob, fielen ihr zwei Jungen ins Auge. Der eine war Lukas Jahnen.

„Bine! Hey!“, zischte sie nach rechts. „Guck mal, da!“, Sie wies unauffällig auf Lukas. „Das is’ er doch, oder?!“

„Ja“, meinte Bine. Sie konnte einfach nicht anders, als ihn anzustarren. Heute hatte er einen moosgrünen Pulli an, der seine Augen einfach wunderbar leuchten ließ. Hach...

„Und, gehst du hin?!“, fragte Anju. Sie und Josi hatten Lukas inzwischen bemerkt und waren näher gekommen.

„Bist du verrückt?“, krächzte Bine. „Das kann ich doch nicht bringen.“ Währenddessen fiel ihr ein, dass sie ihn noch nie in der Pause auf dem Ballplatz hatte stehen sehen. War er etwa nur wegen ihr gekommen und hatte sie noch nicht entdeckt? Doch heute konnte sie unmöglich zu ihm hingehen. Morgen vielleicht, wenn sie sich etwas überlegt hatte, was sie sagen könnte. Aber was, wenn er am nächsten Tag gar nicht mehr da war? Plötzlich hatte sie eine Idee.

„Anju!“, flüsterte sie leise. „Hey, Anouk!“ Anjuli drehte sich fragend um. „Tust du mir ’nen Gefallen? BITTE!“

„Was denn?“, fragte Anju.

„Bitte geh’ hin – zu Lukas – und ... und ...“

„Was? Soll ich hier den Botschafter spielen? Was soll ich ihm denn bitte sagen? ‚Tut mit Leid, aber meine Freundin hat schiss, dich anzureden ...“

„Egal was“, meinte Bine. „Ich will einfach nur mal wieder seine Stimme hören. Bitte! Ich glaub, er hat dich letztens nicht gesehen.“

„Na gut“, murmelte Anju. „Aber ich hab’ was gut bei dir!“

„Jaja“, meinte Bine und schubste sie vorwärts. „Mach schon!“

Also schlenderte Anju über den Ballplatz und hoffte, dass ihr lässiger Gang nicht allzu bescheuert wirkte. Was sollte sie ihm nur sagen?! Nach der Uhrzeit fragen? Toll. Aber was besseres fiel ihr beim besten Willen nicht ein ... Aha, da waren die beiden. Der andere war wohl Lukas Freund, Anouk glaubte, ihn in der Jungengruppe zwei Wochen zuvor gesehen zu haben. Ganz in ihren Gedanken versunken bemerkte sie gar nicht, dass sie nur noch etwa zwei Meter von Lukas entfernt stand, doch bei dem Gedränge auf dem Ballplatz fiel das kaum auf. Sie gab sich einen Ruck und ging einen Schritt weiter. Doch in diesem Moment griff Lukas nach seiner Tasche und ging davon. Anju hörte irgendein Gemurmel von wegen ‚mal kurz zum Bäcker...’

„Oh, Shit!“, murmelte sie und blieb zu allem Unglück auch noch direkt vor Lukas Freund stehen.

„Was?“, sagte der verdutzt. Anju schaute hoch. Sie betrachtete ihn zum ersten Mal richtig. Er hatte braune Haare, etwas länger und stufig geschnitten, und seine Augen hatten die gleiche Farbe wie ihre – sie kamen Schlamm am nächsten. Er sieht echt nett aus, überlegte Anju.

„Also ... was jetzt?“; fragte der Junge verwirrt. „Wolltest du was?“ Plötzlich wurde Anju panisch.

„Ääh.... mmh, ja, also ... nee, eigentlich nicht – äh... kannst du mir sagen, wie viel Uhr es ist?“ Oh du lieber Gott, aber ihr war im Moment echt nix besseres eingefallen. An ihrem Handgelenk sah sie ihre eigene Uhr baumeln und hielt schnell den Arm hinter den Rücken. Der Junge schaute sie immer noch so komisch an.

„Viertel vor zehn“; sagte er dann mit einem Blick auf seine Uhr.

„D-danke“, murmelte Anju und ging mit schnellen Schritten zu den anderen zurück. Etwas weiter entfernt wagte sie einen kurzen Blick über die Schulter und merkte, dass der Junge ihr ebenfalls nachschaute. Schnell zog sie den Kopf wieder zurück, doch sie sah gerade noch, dass Lukas in dem Moment zurückkam. Ihre Freundinnen erwarteten sie schon.

„Schaade!“, sagte Josi. „Echt voll das Pech, dass er genau in dem Moment weg ist ...“

„Ja, echt blöd ...“, pflichtete ihr Maggie bei. Bine sah ganz enttäuscht aus.

„Hey Bine, das nächste Mal klappt’s bestimmt ... oder so.“

„Hm“, machte Bine.

„Was hast du eigentlich noch so lange bei dem anderen Typen gemacht?“, fragte sie.

„Och, ... nix“, meinte Anjuli. Sofort ertönte ein lautes „Aha!“ von Maggie. „Nix also ... na, dann ...!“

„Mann, hätt’ ich einfach wegrennen sollten, oder was? Ich hatt’ doch schon fast den Mund aufgemacht, um mit Lukas zu reden. Dann macht doch eure blöden Spionageaktionen allein!“, rief Anju gereizt.

„Ist ja gut“, meinte Maggie. „Was hast du denn?“

„Nix. Tut mir Leid, ich...“

„Schon in Ordnung“, sagte Bine abschließend. „Ist ja auch egal. Irgendwann anders klappt’s bestimmt, lasst uns reingehen!“ Doch so richtig überzeugt klang sie dabei nicht. Den weiteren Schultag passten weder Bine noch Anju so richtig auf.


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Bine musste sich eingestehen, dass sie sehr enttäuscht war. Wie gern hätte sie Lukas sprechen hören ... Vielleicht hätte sie sogar den Mut aufgebracht, ebenfalls dorthin zu schlendern und Anouk irgendeine belanglose Frage zu stellen, nur um Lukas nahe zu sein. Traurig trottete sie von einem Fach ins Nächste, ohne auch nur wahrzunehmen, was es war.

Zu allem Unglück war auch noch Bines Mutter mal wieder der Meinung, dass ihre ältere Tochter viel zu wenig im Haushalt helfe. Selbst Bines Ausrede, dass sie so viele Arbeiten schrieben und sie lernen müsse, zog nicht mehr, da sie sich noch heute beim Frühstück gefreut hatte, dass nach Latein erst einmal eine kleine Pause wäre. Nach dem Geschirrspülen machte sie sich also grummelnd daran, ihr Zimmer aufzuräumen.

Eine Woche später war sie auch schon wieder voll im Schulstress, diese Woche waren ein Chemie-Test, eine Mathearbeit und eine Bio-HÜ dran. Als sie mit Maggie, Josi und Anju nach letzterem fix und fertig auf den Hof kam, waren sie immer noch heftig am Diskutieren.

„Mann, woher soll ich denn eigentlich wissen, wie diese blöden Synapsen die Impulse weitergeben, könnt ihr mir das mal sagen?“, stöhnte Maggie. Sie beschlossen, zum Kornland zu gehen, dem Bäcker um die Ecke. Eigentlich gingen sie sonst nie dorthin, weil er schlichtweg sau teuer war, aber nach so einer miesen Bio-HÜ konnte man ja mal eine Ausnahme machen. Während Josi laut überlegte, ob sie sich lieber einen Muffin oder einen Donut kaufen sollte, kramte Anju schon mal nach ihrem Portemonnaie.

„Wartet mal kurz“, sagte sie zu den anderen vor der Tür vom Kornland.

„Ich muss erst mal gucken, wie viel Geld ich noch hab’, sonst such ich da drin so ewig rum ... zwanzig ... dreißig ... fünfunddreißig...“, murmelte sie vor sich hin. Bine tapste ungeduldig mit ihrem Fuß auf den Boden.

„Mann, ich hab Hunger!“, stöhnte sie. Plötzlich ging hinter Anjus Rücken die Tür auf und Bines Fußgetapse hörte auf. Dafür starrte sie auf etwas hinter Anjus Kopf.

„Was –“, Anju drehte sich um und stand direkt vor Lukas Freund.

„Ach, du mal wieder ...“, sagte der grinsend. „Es ist genau zehn Uhr achtunddreißig, falls du gerade fragen wolltest.“ Er trat einen Schritt zu Seite und Anju sah Lukas hinter ihm stehen. Das war also der Grund für Bines Kuhblick. Bine war inzwischen auch aufgefallen, dass sie ziemlich komisch aus der Wäsche schaute, schnell blickte sie Josi hilfesuchend an.

„Äh ... hi“, sagte diese wenig hilfreich. Nun ergriff zum Glück Maggie das Wort.

„Hi ... ähm ... habt ihr auch Namen?“ Wenigstens ein ganzer Satz, dachte Bine trocken. Ist doch schon mal was. Aus ihren Augenwinkeln beobachtete sie Lukas.

„Oh ... ja, sorry ...“, meinte der braunhaarige Junge, der immer noch Anouk anguckte. „Äh ... Ich heiße Jan, und das ist Lukas“, er trat neben seinen Freund.

„Schön“, sagte Maggie. Sie hat echt ein Händchen für solche Sachen, dachte Bine erleichtert.

„Äh ... das sind Josi, Anju, Christine – also, Bine, und ich heiß’ Maggie.“ Bine gab sich einen Ruck und löste ihren Blick von Lukas, stattdessen starrte sie nun scheinbar ganz interessiert Jan an. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, dass Lukas sie überrascht und irgendwie traurig anblickte. Dann drängte er abrupt Jahn zur Seite.

„Komm, wir gehen“, sagte er, während er den perplexen Jan an Bine vorbeizog und mit ihm davonging. Da hörten sie das leise Läuten von der Schule und gingen los.

„Was sollte denn das schon wieder?“, hörte Bine Josi sagen. „Fandet ihr das eben nicht auch total komisch?!“
Ja, Bine war es auch so vorgekommen. Am meisten hatte sie dieser merkwürdige Blick von Lukas verwirrt, so traurig war er gewesen. Und was sollte dieser blöde Abgang?

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte Maggie Bine vorsichtig.

„Jaja ... wieso hat dieser Jan dich eigentlich so komisch angeguckt, Anju?“, fragte sie, um sich abzulenken. Die gab nur ein undefinierbares Gemurmel von sich. Maggie und Josi blickten sich verschmitzt an.

„Hach, ich seh’ das schon vor mir ...“, fing Josi an zu schwärmen.

„Ihr beide, ganz in weiß, und hundert weiße Tauben ... aber na ja, immerhin ist so eine Doppelhochzeit ja auch viel billiger ...“ Sie schaute Bine und Anju an. Anouk hatte überhaupt nichts mitgekriegt, doch Bine hatte schon den Mund aufgemacht, um Josi anzumotzen. Dann musste sie aber doch lachen.

„Und ihr beiden unmöglichen Verkupplungstanten als Trauzeugen, ja?“, meinte sie.

„Du, Binchen?“, fragte Maggie, als sie nach der Schule wie so oft ihre Fahrräder die Wallstraße hochschoben.

„Hm?“, murmelte Bine, die mit ihren Gedanken wieder einmal ganz woanders war.

„Dieser Lukas ist dir keinesfalls egal, oder?“, grinste Maggie. Irgendwie hatte Bine immer, wenn sie laut über Lukas sprach, das seltsame Gefühl, dass er persönlich gleich aus der nächsten Seitenstraße kam, oder direkt hinter ihr lief und jedes einzelne Wort hörte.

„Ach komm, ich kenn ihn doch kaum ...“, grinste sie zurück – und schaute sich dann doch lieber um. Doch von Lukas war nichts zu sehen, überhaupt war kein Mensch in ihrer Nähe.

„Na, aber du lernst ihn doch immer mehr kennen.“

„Ich ... weiß nicht.“ Auf einmal hatte sie wieder mal das Gefühl, mit jemandem über das reden zu müssen, was ihr schon den ganzen Tag seit der Begegnung mit Lukas durch den Kopf ging.

„Irgendwie fand ich seine Reaktion heute in der Pause so verunsichernd...“, seufzte sie. „Ich ... lach mich jetzt bitte nicht aus, aber ich hab irgendwie das Gefühl, dass er nicht wirklich Bock hatte, uns kennenzulernen!“

„Hey, mach dir da mal keine Sorgen! Joa, vielleicht hatte er keinen Bock, UNS kennen zu lernen, was ich bezweifle, aber so wie der dich angestarrt hat, am Anfang ... der hat bestimmt nichts dagegen, dich noch mal zu sehn!“, sagte Maggie und prustete los.

„Ach quatsch, hör auf!“, grinste Bine und musste auch lachen.

„Also“, sagte Maggie, als sie zu der Kreuzung kamen, an der sie links in ihre Siedlung einbiegen musste.

„... morgen werden wir in der großen Pause mal ganz zufällig vorm Kornland stehen, und dann werden wir ja sehn...“

„Aye, aye, Sir!“, lachte Bine. „Also dieser Jan wird auf jeden Fall wiederkommen. Hast du gesehen, wie der die ganze Zeit versucht hat, Anouk zu gefallen?“, rief sie Maggie hinterher, die schon in ihre Straße eingebogen war.

„Oh ja, das hab ich auch gesehen!“, rief Maggie und radelte davon.

Doch Jan musste am nächsten Tag auf Anouk vermutlich ewig warten, denn Frau Kaiser, ihre Kunstlehrerin, machte Maggies Plan einen Strich durch die Rechnung.

„Hier, Mädchen, wo wollt ihr denn hin ... schaut euch doch mal die Tische an!“, kreischte sie, als Bine, Anju, Josi und Maggie sich gerade als letzte unauffällig durch die Tür quetschen wollten.

„Nein, hier geblieben! Da in der Ecke liegen Lappen. Diese Flecken werden weggeschrubbt!“ Frau Kaisers Stimme ließ keinen Widerspruch zu und so verbrachten die vier die große Pause im Zeichensaal und putzten Tische. „Miese Kinderschänderin!“, murmelte Anju noch, als Frau Kaiser den Raum verließ, um sich im Lehrerzimmer eine Tasse Kaffee zu gönnen.

Eine knappe Woche später standen Maggie, Anju und Bine in der Ticket-Schlange im Kino. Ein genialer „Mädels-Tag“ stand auf dem Programm, doch Jose hatte kurzfristig abgesagt.

„Sie hat am Telefon ein bisschen merkwürdig geklungen, vorhin“, erzählte Bine. „So, als ob sie irgendwas erzählen wollte, aber dann hat sie nur gesagt, dass sie nicht kann.“

„Pff... wenn wir ihr vorher gesagt hätten, dass wir ins Kino gehen, wär sie bestimmt gekommen“; sagte Anju und reckte ihren Hals um zu schaun, wann sie endlich dran waren.

„Ich mein, die wollte doch auch unbedingt in den Fi-„

„Oh je!“, unterbrach sie Maggie. „Mädels, schaut euch jetzt bitte nicht um und fangt auch nicht an hysterisch zu schreien“, grinste sie.

„Was ist denn?“, fragte Bine und zog skeptisch die Augenbrauen zusammen.

„Äähm, dahinten stehen ... Lukas und Jan!“

„Was? Wo?!“; zischte Anju und war kurz davor sich umzudrehen.

„Ungefähr vier Leute hinter uns“, murmelte Maggie und bekam leuchtende Augen.

„Sorry, ich muss mal ganz dringend aufs Klo!“, lachte sie und setzte sich in Bewegung.

„Was. Hast. Du. Vor?!“, zischte Anju und wollte sie am Arm packen.

„Ich muss aufs Klo, echt!“, antwortete Maggie und quetschte sich schon an der Großfamilie hinter ihnen in der Schlange vorbei.

„Maggie – wag’ es ja nicht!“ Bine versuchte, ihre Stimme zu unterdrücken.

„Jaja, dann geh’n wir halt in ‚Französisch für Anfänger’! Der Film soll ja echt schön sein!“, rief diese zurück und drückte sich gerade in dem Moment an Lukas und Jan vorbei. Das konnten die zwei unmöglich überhört haben! Schnell drehten sich Anju und Bine wieder um.

„Hm ... gar keine so schlechte Idee, oder?“, grinste Anju, zuckte die Schultern und teilte dem Kassierer lautstark mit, dass sie 4 Karten in Reihe E wollten.

So peinlich Bine Maggies Aktion auch fand, sie hoffte dennoch, dass die beiden Jungs mit in Französisch für Anfänger gehen würden. In der Dunkelheit des Kinos hätte sie vielleicht endlich einmal die Gelegenheit, Lukas unbemerkt zu beobachten, ihre bisherigen Begegnungen waren alle so schnell vorbei gewesen, und dabei waren auch noch 1000 Gedanken in ihrem Kopf herumgeflattert. Sie blickte zu Anju, die dem Kassierer eifrig die Karten abnahm und überlegte, dass sie wohl auch nichts dagegen hätte, Jan mal näher zu betrachten ...

Als sie Maggie, die immer noch ein Grinsen im Gesicht hatte, vor der Klotür abholten, sah Bine mit Schrecken, dass Jan und Lukas sich scheinbar ganz zufällig durch eine Lücke zwischen Werbesäule und Popcornschlange drängten.

Da war ja selbst Maggie unauffälliger gewesen! Etwa zwei Meter von ihnen entfernt stoppten die zwei und Jan schaute sie an, als würden ihnen kleine grüne Tentakel aus den Köpfen wachsen.

„Hi! ... Was’n Zufall, dass wir uns hier treffen!“, meinte er und machte eine erstaunte Miene. Bine spürte, dass Maggie ihre Fäuste ballte, um nicht laut loszulachen. Aber sie selbst hatte sich auch vorgenommen, beim nächsten Treffen mal selbst zu reden.

„Äh ... Hi. In welchen Film geht ihr denn?“ – ganz schön mutig für den Anfang, dachte sie, und schaute Jan herausfordernd an. In ihren Augenwinkeln sah sie, dass Lukas schon wieder so ein komisches Gesicht machte. Was war denn bloß los mit ihm?!

„Äh ... In ...“, Jan schaute auf seine Karte: „Französisch für Anfänger ... Und ihr?“, fragte er scheinheilig. Mann, Mädchen haben so was echt besser drauf!, dachte Bine und musste auch grinsen.

„Wir auch. In den Film, mein ich ...“

Doch Jan war zu sehr damit beschäftigt, Anouk unauffällig anzustarren, um auch noch überraschte Begeisterung zu heucheln.

„Äh ... geh’n wir dann?“, fragte Mags, und ihre Stimme bebte vor unterdrücktem Lachen. Die drei machten sich in Richtung Kino 3 davon. Lukas und Jan trotteten wie zwei treue Hündchen hinterher ...

Im Kino quetschten sie sich durch bis zu Reihe E. Bine schaute über ihre Schulter, um herauszukriegen, wo Lukas saß, merkte jedoch, dass er sie auch ansah und drehte den Kopf schnell wieder nach vorne. Als sie dann auch noch in genau diesem Moment eine Stufe verpasste und ins Stolpern kam, hielt Maggie es nicht mehr aus, sie lachte laut los. Da wurde es auch schon dunkel im Kino und die Leute verstummten. Der Film war echt super, mit ganz viel Musik von ‚Wir sind Helden’ (Bine und Anju waren beide Helden-Fans), und eine Zeit lang vergaß Bine sogar, sich nach Lukas umzudrehen. Alle drei hatten gute Laune, als sie blinzelten, um sich an das helle Licht zu gewöhnen, und sie gingen mit dem Strom Richtung Tür. Als Anju gerade mit ihrer leeren Gummibärchentüte auf den Müllsack zielte, sah sie Josi.

„Hi!“, sagte Anju erstaunt, und auch Bine und Maggie drehten sich um.

„Was machst du denn hier?!“, fragte Bine. „Ich dachte, du hättest heute keine Zeit! ...“, und Maggie meinte: „Mit wem bist du denn hier?“ Josi gestikulierte wild zum Himmel und sagte irgendwas von wegen „erzähl ich euch später“ und „kann jetzt nicht“.

In dem Moment sahen die anderen drei einen Jungen aus dem leeren Kino kommen, braunhaarig und ziemlich groß.

„Josi – ich hab’ mein Portemonnaie zum Glück doch noch gefunden! ...“ Er blickte verwirrt zu Bine und den anderen. „Wer ist –“

„Ääh ...“, meinte Josi. „Niemand.“ Sie warf Anju einen flehenden Blick zu, zog den Jungen weg und sie gingen zusammen davon.

„Was - ...“, meinte Anju. „Wer war denn das jetzt?“

„Wer war wer?“, fragte Jan von hinten und drängte sich zwischen sie und Maggie.

Bine sah Lukas ein bisschen abseits stehen, wieder mit diesem komischen Blick. Sie fasste allen Mut zusammen und ging mit wabbeligen Knien auf ihn zu.

‚Mund aufmachen. Reden. Ganz einfach.’, dachte sie.

„Ääh ... Hi – mhm ... und, also ... miwelchembusfahrnihr?“, sagte sie.

„Äh ... was?“

Bine räusperte sich: „Mit ... mit welchem Bus du fährst. Wollt ich fragen.“ Die Frage, ob er auf Inlinern da war, verkniff sie sich.

„Mit der 64 ... Jan fähr auch mit, er ... er pennt bei mir.“ Bines Herz hüpfte hoch bis zum Hals.

„Wirfahrau – ich mein, wir fahren auch mit der 64, Anju und ich, sie –sie –„

„Bine? Ich muss los ...“, meinte Maggie und unterbrach Bines Gebrabbel.

„Ich muss noch ins Training, und ich bin mit dem Rad da ...“

Sie verabschiedeten sich und Maggie stürmte ins Freie, um ihr Fahrrad aufzuschließen.

„Ihr fahrt auch mit der 64?“, lenkte Lukas Bines Aufmerksamkeit wieder auf sich.

„Ähm, ja, genau!“, Bine versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass sie gerade dabei war, ihre Gedanken zu ordnen.

„Äh ... dann wohnst du also auch auf’m Hartenberg?“, druckste Lukas herum und Bine fiel auf, dass der seltsame Ausdruck auf seinem Gesicht kaum noch zu sehen war. Und so wirklich abgeneigt mit ihr zu sprechen schien er auch nicht ...

„Jepp, genau in der Nähe vom SWR.“ Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Anju sie mit leuchtenden Augen und hoch gerecktem Daumen angrinste, und auch Jan konnte wohl kaum ein Grinsen unterdrücken.

„Ich will euch ja nur ungern unterbrechen, aber ihr wisst schon, dass wir gerade dabei sind, unseren Bus zu verpassen?“, meinte er und stellte sich neben Lukas. Und wirklich, gerade hielt draußen quietschend die 64.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren stürmten Jan und Anouk aus dem Kino und rasten auf den Bus zu, der gerade dabei war seine Türen zu öffnen. Einen winzigen peinlichen Moment standen noch Lukas und Bine allein im Kino – Vorraum, doch dann drehte Bine sich abrupt um und rannte ihrer Freundin hinterher.


Atemlos flutschten die vier gerade noch durch die Fahrertür des Busses und japsten nach Luft. Erschöpft setzte sich Anju auf einen Sitz im hinteren Teil des Busses und Bine war gerade dabei, sich neben sie fallen zu lassen, doch Jan war schneller: grinsend und völlig ungeniert plumpste er auf den Sitz neben Anouk.

Bine schaute sich um, ein paar Reihen weiter vorne war noch eine Reihe frei und mit einem mulmigen Gefühl hockte sie sich auf den Fensterplatz.

Bine Herz machte einen Sprung; Lukas, der bisher ein wenig unschlüssig im Gang gestanden hatte, ließ sich nun mit einem merkwürdigen Blick an Jan neben Bine nieder. Noch nie war er ihr so nah gewesen und Bine wurde noch nervöser. Als sie sich etwas gerader hinsetzen wollte, berührte sie aus Versehen Lukas Knie und blieb lieber so schräg auf ihrem Sitz hocken.

„Wo ... wo müsst ihr denn aussteigen?“, fragte sie, nur um irgendwas gesagt zu haben. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Anju und Jan schon flüsternd die Köpfe zusammen steckten. Die zwei schienen sich wirklich sehr gut zu verstehen – und Bine musste schmunzeln.

„Äh ... Hartenbergpark – und ihr?“ Auch Lukas schien sehr nervös zu sein ... wenigstens war sie nicht alleine. Hinter sich konnte sie Anju kichern hören ... irgendwie lief das mit Jan und ihr leichter, warum stotterte sie selbst immer nur so rum?

„Wir steigen am Fort Gonsenheim aus“, meinte Bine also mit Herzklopfen. Toll, schon wieder waren sie am Ende des Gesprächsthemas und Bine suchte fieberhaft nach einem neuen.

‚Bing ...!’ „Universität“, sagte uninteressiert klingende Frauenstimme aus dem Lautsprecher und riss Bine aus ihren Gedanken. Sie hörte ein Rascheln hinter sich und sah plötzlich Anju und Jan neben sich stehen. Sie machte gerade den Mund auf, als Jan sie auch schon anschaute und frage:

„Hey, hast du vielleicht Lust, am Samstag mit Eis laufen zu gehen? Das Stadion hat jetzt Ende Oktober wieder aufgemacht und –“

„Ich dachte, wir wollten am Samstag Eis laufen geh’n“, unterbrach ihn Lukas und hatte schon wieder einen komischen, fast vorwurfsvollen Ton in der Stimme. „Was –“

„Mein’ ich doch!“, sagte Jan. „Wir können doch zu viert gehen, ich hab Anju schon gefragt.“ Er lächelte ihr zu.

„Also –“, setzte Lukas wieder an, doch Bine sagte irgendwie intuitiv: „Klar, super! Ich mag Eislaufen, und dieses Jahr war ich noch gar nicht. Wann habt ihr euch denn verabredet?“ Sie strahlte plötzlich ...


„So um halb vier“, meinte Jan. „Okay?“ „Okay“, sagte Bine und ging nur widerwillig mit Anju mit, die sie aus dem Bus zog. Fast hätten sie noch ihre Haltestelle verpasst! „Also, um halb vier vorm Stadion“, rief Bine Lukas noch mal zu. Zum ersten Mal seit Wochen fühlte sie sich richtig mit sich zufrieden ... Während Bine die Haustür aufschloss und Anju kurz darauf ihre Tasche in Bines Zimmer hievte, dachte sie noch einmal nach. Es war einfach absolut perfekt! Sie war mit Lukas verabredet! Zum Glück würden Anouk und Jan mitkommen, dann war die Sache nicht so peinlich ... Jan war echt nett, und er und Anju passten super zusammen, überlegte Bine. Wieso hatte sie sich in den letzten Wochen nur imm so mies und unsicher gefühlt? Das Leben war doch so schön ... Bine folgte Anju in ihr Zimmer und gab ihr einen Bettbezug aus dem Schrank. Während sie zusammen den Überzug über die Decke wurschtelten, traut sich keiner so recht zu reden. „Hast du noch Hunger? Ich glaub, wir ha’m noch Kuchen ...“, meinte Bine schließlich. „Klar. Kuchen immer!“, Anju strahlte auf einmal genau wie Bine und zusammen tapsten sie in die Küche. Jede nahm sich ein Stück Dinkel-Zitronenkuchen und sie setzten sich an den Tisch. Und auf einmal fingen sie beide an zu reden. Über Lukas, über Jan, über Lukas, Lukas, den Film, Jan, Maggie, Josis Typen, Jan und Lukas. Endlich konnte Bine sich mal so richtig ausreden, und Anju schien es ähnlich zu gehen. Sie quatschten und lachten, bis Bine auf einmla mit einem erschrockenen Blick auf die Uhr merkte, dass es halb zwei und der Zitronenkuchen leer war. Zum Glück war morgen Allerheiligen und somit schulfrei! Die zwei gingen wieder zurück in Bines Zimmer, kuschelten sich in ihre warmen Decken und schwiegen. Nach einer Weile meinte Bine vorsichtig: „Anju – bist du noch wach?“ „Nee ... ich tu nur so. Was ist?“ „Du, ich freu’ mich echt total auf Samstag. Du auch?“ Komischerweise hörte sie, wie ihre Freundin tief Luft holte. „Äh ... Bine?“ „Jaah?!“ „Ich muss dir was sagen. Also, Jan und ich, wir ... wir haben natürlich gemerkt, dass ihr beide total schüchtern seid und so, und ...“, Anju redete sehr schnell, „wir haben ausgemacht, dass wir am Samstag beide – beide absagen, so dass ihr all – alleine Eis laufen gehen könn –“ „WAS?! Aber ... aber – das kannst du nicht machen!“ Bine setzte sich im Bett auf. „Du – ich – wir – och Mann, Annu!“ „Och ... hey Bine, ich weiß, die Vorstellung findest du jetzt erst mal total schrecklich, aber schau mal ... das wird mit Sicherheit klasse ... Ich mein ... also ... wenn Jan und ich dabei wären, dann würdet ihr zwei euch doch irgendwie wieder nicht richtig kennen lernen, oder ... so!“ Anju schienen keine Argumente mehr einzufallen. „Na toll ... aber jetzt wird das die Peinlichkeit selbst!“ Seufzend ließe sich Bine wieder auf ihre Kissen fallen. „Was, wenn er dazu gar keine Lust hat? Was, wenn er einfach auch absagt, sobald er erfährt, dass Jan nicht kommen kann ...“, murmelte sie. „Äh ... also das glaub ich jetzt echt nicht“; prustete Anju. „Der wird wahrscheinlich einen Luftsprung vor Freude machen!“, sie versuchte, die angespannte Atmosphäre ein bisschen zu lockern, doch das, was sie von Bines Gesicht erkennen konnte sah immer noch skeptisch aus. Anju glaubte auch eine Spur Angst darin zu finden. „Du Binchen ... sieh’s doch mal so: Ihr findet mit Sicherheit ein Thema, über das ich reden könnt und außerdem wird’s ja auch sau romantisch ... und nach diesem Tag kennt ihr euch total gut!!“, lächelnd hockte Anju sich auf Bines Bettkante und stupste sie mit ihrem Ellenbogen an. „Hm“, machte Bine nur.Doch in ihrem Kopf rasten die Gedanken ... Vielleicht hatte Anju ja Recht. Bine seufzte noch einmal – und lächelte Anju dann an. Sie war viel zu müde um wegen irgendwas beleidigt zu sein.

Der Freitag verging ungewohnt schnell und die ganz Zeit war Bine mit ihren Gedanken bei ihrem Haarshampoo, bei ihrem Kleiderschrank und ihren Schlittschuhen, die hoffentlich noch passten. Anju, Josi und Maggie machten ihr es auch nicht gerade einfach, an etwas anderes zu denken – ständig schreiben sie ihr kleine Zettelchen oder lächelten ihr verschwörerisch zu. Doch es gab da auch noch einen anderen Gedanken, einen eher unerwünschten – und doch nistete er sich immer wieder hartnäckig in ihr Bewusstsein: Sollte sie es doch tun? Sollte sie Lukas doch absagen? Die Vorstellung, einen Samstag – Nachmittag ganz allein einfach irgendwo zu verbringen erschien ihr jetzt ausgesprochen wunderbar. Doch Anju, Maggie und Jose (die ihr Tausende von mutmachendenden Zetteln und Blicken zugeworfen hatten), hatten Recht. Wenn sie diesen ganzen Nachmittag mit Lukas verbringen würde, dann würde sie ihn danach viel besser kennen und vermutlich wissen, ob sie vielleicht einen winzigen Grund zur Hoffnung bei ihren Fantasien hatte. Am Samstagmorgen wachte sie viel zu früh auf und hatte zu allem Überfluss auch noch einen schwachsinnigen Traum gehabt: Jose hätte ihren Kino-Typi geheiratet. Bei der Hochzeit war der Priester krank geworden, dann hatte Jose sie gefragt, ob nicht einfach sie, Bine, den Traugottesdienst halten wollte, doch in dem Traum musste Bine unbedingt schnell los, weil sie eine wichtige Verabredung mit Lukas hatte, zu der sie dann viel zu spät kam ... Bine schüttelte lächelnd den Kopf. Bei ihrer Oma hatte sie mal in einem Regal ein Buch namens „Die Traumdeutung“ gefunden ... sie wollte lieber gar nicht wissen, was es in diesem verrückten Traum alles zu deuten gab ... Zum Frühstück bekam Bine nicht viel herunter. Schließlich schlüpfte sie in ihre khaki-farbene Herbstjacke, holte ihre Schlittschuhe aus dem Keller – und stand genau eine Stunde vor dem vereinbarten Zeitpunkt völlig fertig angezogen und aufbruchsbereit in ihrem Zimmer. Mit einem ärgerlichen Blick auf die Uhr ließ sie sich seufzend auf ihren Schreibtischstuhl fallen. Vor lauter Nervosität begann sie sogar, Hausaufgaben zu machen. Das Treffen würde schon noch schnell genug kommen. Und es kam. Natürlich. Ehe Bine sich auch nur mehr als vier mögliche Gesprächsthemen überlegt hatte, stand sie auch schon vor der großen Eishalle, die sich direkt hinter dem 05-Stadion befand. Sie war, wie es vorherzusehen war, gute fünf Minuten zu spät und von Lukas war noch nichts zu sehen. Während sie sich mehr oder weniger unauffällig umschaute, versuchte sie, nicht allzu aufgeregt zu wirken. „Bleib einfach du selbst!“, hatte Maggie gestern auf dem Heimweg auf sie eingeredet. „Natürlich kommt bestimmt am Besten!“ Aus Richtung 05-Stadion näherte sich ein Junge, der Lukas verdächtig ähnlich sah. Schnell senkte sie ihren Blick, spielte an ihrer Uhr herum und blickte erst wieder auf, als der Junge nur noch ein paar Meter von ihr entfernt war.

„Hey!“, grinste Lukas ihr entgegen und Bine lächelte zurück. „Oh, hi!“

„Sorry, ich bin ein bisschen zu spät ...“, meinte Lukas und hob bedauernd die Hände.

„Ich hatte eigentlich vor mit dem Bus zu kommen, aber schlampig, wie ich bin hab ich natürlich meine Monatskarte verlegt und musste dann doch die Inliner nehmen. „Mit einem Kopfnicken wies er auf seinen Rucksack.

„Och, kein Problem!“, erwiderte Bine. „Ich bin auch noch nicht lange da!“ Ha-ha ... nur eine halbe Ewigkeit.

„Und ... wie geht’s dir so? druckste Lukas herum. Er machte keine Anstalten, hineinzugehen. Wusste er nicht, dass Anju und Jan nicht kommen würden?

„Naja ... noch ganz gut!“, Bine musste grinsen. „Aber frag’ mich das lieber noch mal, nachdem ich da drin 15mal aufs Eis geknallt bin ...“

Wie leicht ihr diese Sätze lustig über die Lippen kamen. Überhaupt erschien Bine alles plötzlich einfach und nicht halb so dramatisch, wie sie es sich vorgestellt hatte. Warum hatte sie nur solche Panik davor gehabt?!

„Hey, komm schon, Schlittschuhlaufen ist doch gar nicht soo schwer!“, grinste jetzt auch Lukas. „Wenn du willst, kann ich dir ein paar Tricks zeigen ... Bist du schon mal rückwärts gefahren?“

Als er sah, wie Bine skeptisch die Augenbrauen zusammenzog, musste er lachen. „Das ist gar nicht so schwer, wie’s aussieht!“

In dem Moment klingelte sein Handy, und als Lukas den Anrufer mit „Ach, hey Jan!“; begrüßte, wusste Bine, was jetzt kommen würde.

„Also auf Jan brauchen wir nicht zu warten!“, sagte Lukas, nachdem er nach einer knappen Minute wieder aufgelegt hatte. „Der hat mal wieder Hausarrest.“

„Und Anju kommt auch nicht, die ist krank!“, fügte Bine hinzu.

Eine kurze, peinliche Pause trat ein. Lukas zögerte. Doch dann sagte er:

„Na dann, AUF! Wir verpassen sonst nur viele Minuten der wertvollen Eislaufszeit!“ Und übers ganze Gesicht grinsend hielt er ihr die Tür zum Vorraum auf.

Nach dem Bezahlen lieh sich Bine ein Paar Schlittschuhe aus. Natürlich hatte Lukas seine eigenen mitgebracht. Neidisch schaute sie von ihren blauen Gummischuhen auf die gefütterten von Lukas.

„Die sehn echt bequemer aus“, meinte sie lächelnd. „Sind das deine richtigen Eisschnelllaufschuhe?“

„Ne, die sind zu hause“; meinte Lukas. „Für hier, in der kleinen Halle, sind die – woher weißt du eigentlich, dass ich Eisschnelllauf mache?“

„Och ... weiß nicht“; Bine verhaspelte sich. Mist! Wieso hatte sie bloß nicht erst mal nachgedacht?

„Ich ... hast du ... wollen wir jetzt aufs Eis gehen?“

„Klar. Aber vielleicht solltest du zuerst noch deine Schuhe anziehen ...“, er grinste. Schon wieder Mist! Na ja, wenigstens war sie so um das Thema herumgekommen ... Schnell zog sie ihre dicken Socken aus ihrem Rucksack und zog sie über ihre Füße, während sie versuchte, das peinliche Bärchenmuster zu verbergen. Wie lange es dauern konnte, Schnürsenkel zu binden! Sie hatte das Gefühl, dass Lukas sie anstarrte. Also stand sie schnell auf, packte ihren Rucksack – und kam ins Schwanken. Sie ruderte wild mit den Armen, während sie auf den dünnen Kufen herumkippelte. Da spürte sie etwas festes und packte zu. Sekunden später bemerkte sie, dass sie Lukas’ Arm festhielt und dieser schallend lachte. Schnell ließ sie ihn los. Lukas hörte auf zu lachen, und wieder einmal schauten sie sich peinlich berührt an. Dann stakste Bine in Richtung Eisfläche und hörte Lukas hinter ihr. Vorsichtig stellte sie sich aufs Eis. Eigentlich konnte sie ja ganz gut fahren (solange es geradeaus ging), doch nach einem Jahr ... Da kam schon Lukas von hinten angebraust und raste an ihr vorbei. Drei Meter weiter bremste er gekonnt und rief Bine zu: „Wo bleibst du denn? Jetzt komm schon ...“ Und Bine packte allen Mut zusammen und fuhr los. Schon nach einer halben runde fühlte sie sich wieder einigermaßen sicher und holte Lukas ein.

„Hey, also nach deinen Erzählungen hab ich gedacht, du könntest dich gerade mal ein bisschen auf den Beinen halten, aber du braust ja schon richtig durch die Gegend“, grinste Lukas.

„Na ja ... wollen wir erst mal paar Runden fahren?“ Ganz so sicher fühlte sie sich nun auch noch nicht ...

Also fuhr auch Lukas langsamer, und eine Runde fuhren sie erst einmal schweigend vor sich hin.

„Trainierst du eigentlich oft?“, fragte Bine schließlich, denn in dieser Stille war sie noch nervöser, als wenn sie sich unterhielten.

„Ja, ziemlich. Also, vier mal die Woche, meistens, aber im Moment auch öfter mehr, weil bald wieder Wettkamp ist ... Machst du irgendeinen Sport?“

„Nöö ... im Moment nicht“, meinte Bine. Sie hatte bis zur sechsten Klasse regelmäßig Ballett gemacht, aber das würde wohl jetzt ein bisschen zu peinlich klingen, fand sie.

Und wieder schwiegen sie sich an ...

„Soll ich dir zeigen, wie man rückwärts fährt“, fragte Lukas nun.

„Klar“, meinte Bine. „Aber ich bezweifle, dass ich’s kann ...“ Sie hielten an – Lukas wieder mit einer gekonnten Drehung, Bine, indem sie gegen die Bande fuhr – und Lukas drehte sich zu ihr.

„Also guck ... du musst quasi genau die gleichen Bewegungen wie vorwärts machen, nur halt rückwärts, und mit den Fersen so ein bisschen nach außen ... Wart’ mal ...“

Und er fuhr ein paar Meter rückwärts. Bine schaute wie gebannt zu. Wer hätte gedacht, dass Eislaufen so sexy sein könnte ... ?

Lukas kam wieder zurück. „Und jetzt du!“, meinte er.

„Was?! Ich – wie denn – was denn“, stammelte Bine. Jetzt schon? Sie würde sich total blamieren.

„Mach schon, es ist echt nicht schwer ...“ Also stellte sie sich mit wabbeligen Knien auf. Wie war das mit den Fersen nach außen? Nein, den Hintern hatte Lukas dabei nicht so rausgestreckt. Vorsichtig fuhr sie los. Sie konzentrierte sich voll und ganz auf ihre Füße, und es lief gar nicht mal schlecht. Vielleicht nicht gerade elegant, aber immerhin.

Schüchtern blickte sie auf und lächelte Lukas zu. In dem Moment stolperte sie über einen ihrer zahlreichen Schnürsenkel und fiel mit voller Wucht auf den Hintern.

„Och, Scheiße!“, rief sie. Lukas fuhr zu ihr hin. Bine merkte, dass er sich das Lachen verkneifen musste.

„Mann, eigentlich hat’s doch geklappt!“

Lukas half ihr hoch. Bine spürte wieder so ein komisches Kribbeln, als Lukas sie berührte.

„Hey, du Schmollmops! War doch gar nicht übel!“ Er grinste sie an.

„Hmm ...“; meinte Bine. Irgendwie war ihr die ganze Sache ziemlich peinlich.

Aus den großen Lautsprecherboxen an der Decke drangen nun vertraute Töne: Wir sind Helden! Es war ein gutes Gefühl, so als ob die Musik ihr den Rücken stärkte.

„Ich versuch’s noch mal“, grinste Bine und stellte sich gerade auf die dünnen Kufen. Diesmal fiel sie zwar nicht hin, blieb aber praktisch auf der Stelle stehen.

Auf einmal verdunkelte sich die Halle und es entstand ein rot - orangenes Dämmerlicht.

„Das sieht doch echt nach einem viel versprechendem Eis-rückwärts-lauf-Talent aus!“, lachte Lukas und Bine, die bis eben das Wir sind Helden – Lied gesummt hatte, fiel plötzlich auf, dass sie kaum vorwärts (bzw. rückwärts ...) gekommen war. "Naja, ich glaub, ich komm nicht wirklich voran!“

„Ich könnte dich vor mir herschieben, dann fährst du schon ganz automatisch rückwärts!“, erwiderte Lukas mit einem Grinsen auf den Lippen.

„Vor dich herschieben?“ Doch bevor Bine sich Gedanken darüber machen konnte, wie genau er das anstellen wollte, kam Lukas auf sie zu, legte seine Hände auf ihre Taille und fuhr los.

Bine verlor für einen Moment das Gleichgewicht und musste sich an seinen Armen festklammern, doch eigentlich war rückwärts fahren ganz einfach.

Während Lukas und Bine slalom durch die Menschenmassen dahinschwebten, konnte Bine keinen einzigen klaren Gedanken fassen. Sie versuchte, ihm nicht allzu oft und auffällig in die Augen zu schauen, doch das war viel leichter gesagt als getan. Also konzentrierte Bine sich darauf, auf ihre Füße zu schauen, doch als sie kurz aufblickte, begegneten sich Lukas’ und ihr Blick und zum ersten Mal seit dem Tag, an dem sie ihn auf dem Ballplatz gesehen hatte, lächelte er sie an.

Auch wenn dieses Lächeln wirklich nett und offen war, verwirrte es Bine. Das war ein ganz anderer Gesichtsausdruck als dieses übliche Grinsen. Hatten Anju, Maggie und Jose vielleicht Recht mit ihren Vermutungen, dass Bine sich keinesfalls umsonst Hoffnungen machte? Wieder lächelte sie zaghaft zurück.

„Bine?! Huhuuu ... hier hinter dir!“

Bine fuhr erschrocken herum und Lukas ließ sie los.

Da hinten drängte sich Hilde, ein Mädchen aus ihrer Klasse durch die Massen zu ihnen durch. Anscheinend war sie mit einer Freundin hier, denn hinter Hilde konnte Bine ein eher kräftiges, braunhaariges Mädchen erkennen.

„Ach, hallo Hilde“, sagte Bine und schaute unschlüssig zwischen ihr und Lukas hin und her.

„Ich fahr’ mal noch ’ne Runde“, murmelte Lukas Bine zu und verschwand, ehe sie auch nur ein „Okay“ zurück stammeln konnte.

Hilde, die sich erfolgreich zu ihr durchgekämpft hatte, bekam ganz große Augen.

„Wer war denn das?!“

„Ähm ... also, eigentlich – ’n Freund halt!“, antwortete Bine.

„Seid ihr zusammen?“ Hilde schaute begierig auf der Eisbahn hin und her, um einen Blick auf Lukas zu erhaschen.

„Ach quatsch!“

„Na, das hat eben aber ganz anders ausgesehen! Hat er dich eben über’s Eis geführt? Boah, wie romantisch!!“

In ihren Augen lag ein Ausdruck, der Bine gar nicht gefiel.

„Äh ... hör mal, also eigentlich –“

„Ich hoffe, ich bin jetzt nicht so in euer Date reingeplatzt!“, unterbrach Hilde sie.

„Date?? Die Anderen sollten aber eigentlich auch noch kommen ...“

„Die Anderen?? Gibt’s denn mehr von der Sorte?“ Hilde lachte sie frech und mit einem bohrenden Blick an. Aus ihren Augen sprühte geradezu die Neugier.

Hilde war sonst eigentlich keine Plaudertasche, doch Bine hatte trotzdem das Gefühl, dass am Montag die ganze Klasse wusste, dass sie mit einem Jungen Eislaufen war. Hilde würde ihnen wahrscheinlich auch noch Lukas’ Augenfarbe beschreiben – die übrigens ein wunderschönes Blau-grün war ... Aber irgendwie war ihr bei diesem Gedanken gar nicht wohl.

„Du Hilde, ich geh mal wieder, mach’s gut, wir sehn uns ja hier noch, oder spätestens Montag in der Schule.“ Sie winkte der verdutzt guckenden Hilde zu und fuhr Lukas hinterher, der eben an ihr vorbeigefahren war und jetzt suchend zurückschaute.

Das Wir sind Helden-Lied war längst zu Ende und als Bine Lukas eingeholt hatte, machte der keine Anstalten, sie wieder vor sich herschieben zu wollen.

„Eine Freundin von dir?“, fragte er nur.

„Äh – ja, aus meiner Klasse.“

„Hab ich mir gedacht ... ihr Gesicht kam mir irgendwie bekannt vor.“

„Es kann gut sein, dass du sie mal auf dem Ballplatz gesehen hast. Da stehn die meisten aus meiner Klasse immer rum ...“

Lukas und Bine fuhren noch viele Runden nebeneinander her und unterhielten sich über sämtliche Themen: Mathelehrer, Eltern, Eisschnelllauf und kleine Schwestern. Ein paar mal noch erhaschte Bine Hildes neugierigen Blick, doch zu ihrer Erleichterung schien sie nicht noch eine Unterhaltung anfangen zu wollen.

Als weder Lukas, noch Bine ein Gesprächsthema einfiel, waren beide ein bisschen erleichtert, als die Eismaschine auftaucht und eine Lautsprecherstimme verkündete, dass alle das Eis verlassen sollten. Außerdem taten Bines Füße höllisch weh, sie hatte bestimmt mindestens drei Blasen pro Fuß.

Also quetschten sich Lukas und sie zu all den Anderen in den überfüllten Umkleideraum.

Die ganz Zeit, während sie die dicken Socken aus- und die normalen Schuhe wieder anzogen, alberten und lachten sie herum – und Bine war so glücklich, dass sie trotz allem zu dem Treffen gekommen war.

Fertig umgezogen verließen sie das große Gebäude und Lukas schnallte sich seine Inliner an die Füße. Mit diesen Teilen unter den Füßen war er ungewohnt groß, und als die beiden dann nebeneinander da standen, trat eine unangenehme Stille ein.

„Äh ... also, ich müsste dann da lang“, sagte Bine und deutete in Richtung Hauptstraße.

„Und ich da!“, grinste Lukas verlegen und zeigte in die entgegengesetzte Richtung.

„Oh ... okay ... mhm...“

„Dann ... also ...“

„Ja, ähm ... ciao, mach’s gut ....“ druckste Bine herum.

„ ... Du, soll’n wir vielleicht mal Handynummern austauschen? Dann könnten wir uns noch mal irgendwann treffen ... mit deinen Freundinnen, oder so ...?“

„Ja klar, gute Idee!“, strahlte Bine und kramte ihr altes Handy hervor. ’3 neue Nachrichten’ blinkte es auf dem Display ... aber um die würde sie sich später kümmern.

Nachdem sie sich gegenseitig ihre Nummern diktiert und gespeichert hatten, fiel Bine etwas ein: Anouk würde vermutlich ausflippen, wenn Bine ihr die Handynummer von Jan besorgen würde, also fragte sie:

„Ähm ... kannst du mir vielleicht auch noch die Handynummer vom Jan geben?“ Sie lächelte, als sie sich Anouks Reaktion vorstellte. Lukas Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig. Sein Blick war misstrauisch und irgendwie enttäuscht.

„Äh ... ja klar“, sagte er, tippte düster auf seinem Handy rum und murmelte dann die paar Zahlen.

„Danke!“, sagte Bine und versuchte es mit einem Lächeln. Was war nur los, plötzlich? Hatte sie irgendwas falsch gemacht? „Ist alles klar bei dir?“

„Mmmh ... ich dachte nur, du wärst jetzt – ach, vergiss es!“

„Was?“

„Ist echt nichts wichtiges, vergiss es!“, sagte Lukas schroff. „Ich muss dann auch langsam ...“, fügte er hinzu bevor Bine etwas erwidern konnte.

„Tschüss dann ... man sieht sich bestimmt mal in der Schule.“ Und mit diesen Worten drehte er sich um und fuhr los.

„Äh ja, genau, tschüs ...!“, reif die verdutzte Bine ihm hinterher.

Was war denn jetzt auf einmal los mit ihm? Die ganze Zeit war es so lustig und ... perfekt gewesen ... und jetzt so ein Abschied?! Bine verstand die Welt nicht mehr. „Naja ... vielleicht ist ihm auch nur irgendwas eingefallen, was er zu Hause noch erledigen muss“, redete sie sich ein. So ganz glauben konnte sie das auch nicht, doch sie war einfach zu glücklich, um weiter darüber nachzudenken. Als sie sich auf dem Heimweg vergnügt vorstellte, was Anju für ein Gesicht machen würde, wenn Bine ihr erzählte, dass sie Jans Handynummer hätte, fielen ihr wieder die ’3 neuen Nachrichten’ ein. Wieder holte sie ihr Handy hervor und rief die SMS-Liste auf:

,1. Maggie Handy
2. Anju Handy

3. Josi Handy’

Bine schmunzelte. Aus irgendeinem Grund wusste sie schon vorher ziemlich genau, was in diesen drei SMS drin stand. Grinsend und Handytippend ging sie weiter.

In der folgenden Nacht schlief Bine ausnahmsweise mal richtig gut. Doch als sie am Montag die letzten vier Treppenstufen in den 3. Stock hochschnaufte, nahte schon das nächste Unglück in Gestalt von Anna. Sie kam gerade aus der Toilette hervor, hatte einen Kajalstift in den Händen und war von einer fast schon sichtbaren Wolke von Parfüm umgeben. Bine wandte sich demonstrativ ab, doch Anna hatte schon den Mund aufgemacht.

„Und, war’s schön am Samstag?“, fragte sie mit ihrer gekünstelten Stimme.

„Ich hätt’ ja echt nicht gedacht, dass du noch mal zu ’nem Typen kommst ... Glückwunsch!“

Sie lächelte Bine mit großen Augen an.

"Ach lass mir doch die Ruhe!", murmelte Bine verächtlich, doch als sie die Tür zum Klassenraum aufmachte, hatte sie ein mulmiges Gefühl im Magen... Sie hätte nicht gedacht, dass Hilde wirklich etwas weiter erzählen würde!
Mit der Erwartung, dass alle sie anstarrten, ging sie zu ihrem Platz in der dritten Reihe. Doch wie es schien, wussten nicht viele Bescheid. Typisch Anna- sie hatte sich wohl mal wieder auf jedes bisschen Klatsch gestürzt, dass sie unter die perfekt manikürten Fingernägel bekam.
Sie wollte sich gerade neben Anju fallen lassen, als sie von hinten Hildes Stimme vernahm. "Und, Christine, wars noch schön?"Bine überlegte sihc gerade passende Worte, um Hilde abzuwimmeln, als zum Glück Herr Walter- ihr Erdkundelehrer- hereinkam. Hilde eilte auf ihren Platz zurück, und Bine plumste -endlich- auf den Stuhl zwischenJosi und Anjuli, die sich sofort mit gierigen Blicken auf sie stürzten. Maggie hing halb über ihrem Tisch.
"Und? Wie wars?", fragte sie sofort neugierig.
"Was habt ihr geredet?!" Josi hatte ganz leuchtende Augen. Bine schaute sie an.
"Es war total -einfach voll- total schön!", erzählte sie und gab eine kurze zusammenfassung des Nachmittags. Die komische Reaktion von Lukas ließ sie weg. Sie hatte sowieso das ganze Wochenende versucht sich klar zu machen, dass sie sich das Ganze nur eingebildet hatte. Es war doch alles so schön gewesen - wieso hätte sich Lukas auf einmal so komisch verhalten sollen? Naja, egal. Auf einmal fiel ihr etwas ein. Sie kramte einnen Zettel aus ihrem Mäppchen und warf ihn Anju in den Schoß.
Doch mit einem gewaltigen Schrecken bemerkte sie, dass Herrn Walters eklig-braune Lederschuhe direkt auf sie zu kamen. Sie blickte auf und sah schon Herrn Walters strengen Blick auf ihr udn den anderen ruhen. Angestrengt schaute sie auf seinen grünen, kratzigen Wollpullover.
"Sooo.", meinte er. "Die Damen haben wohl etwas besseres zu tun, als meinem Unterricht zu folgen?...." Er streckte die Hand aus. Kleinlaut zog Anouk den Zettel hervor und warft ihn mit spitzen  Fingern in seine Hand. Gleich darauf schaute sie Binde flehend an. Doch die nickte beruhigend mit dem kopf.

"0-1-7-0-9-3-4-8-7-7-2 . Aha."
Bine merkte, dass sich einige aus der Klasse das Kichern kaum verkneifen konnten.Anju war mittlerweile tomatenrot angelaufen .
"Könnte ich jetzt meinen Zettel wiederhaben?", fragte sie kühl. Herr Walter warf ihn auf ihren Platz, ging zurück zum Pult und fuhr mit seinem langweiligen Gelaber über Alternative Landwirtschaft fort.
Trotz allem warf Anju Bine einen überglücklichen Blick zu und steckte den Zettel tief in ihre Hosentasche. Bine merkte, dass sie den Rest der Stunde immer mal wieder Herzen auf ihr Blatt malte - und stellte zwei minuten später überrascht ferst dass sie selbst abwesend vor sich in starrend das geliche tat. (HACH!!! schwääärm xD) Was Lukas wohl gerade machte?Vielleicht hatte er gerade Mathe... oder Reli? Peli war an ihrer schule echt ein tlles Fach...schlafen, Hausaufgaben machen, rumalbern...ob es am Willigis genauso war? Maggie und Anju verbrachten ihre gesamten Relistunden damit, irgend so eine schnulzige Geschihcte zu schreiben...sie prahlten dauerns rum, dass sie schon auf seite 71 wären... (ich tippe grad die handgeschriebene seite nr.71 ab--->ZUFALL xD) Bine hatte auf einmal eine ungluabliche Lust auf Glühwein... An Weihnachten würde sie vielleicht mit Lukas über den Weihnachtsmarkt laufen, und er würde ihr ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift "Mein Schatz" schenken... -Nein, das war wirklich zu doof! Sie musste grinsen...

Doch so schön das Eis laufen auch gewesen war, bis Mittwoch war nichts von Lukas zu sehen. Dauernd grübelte Bine über sein komisches Verhalten nach. War er beleidigt gewesen? Nein, Bine hatte es vielmehr an die Momente vor ihrem Treffen erinnert, beim Kornland zum Beispiel. Beide Male hatte Lukas irgendwie enttäuscht gewirkt, richtig traurig… Aber wieso immer nur so plötzlich?!
Am nächsten Tag vertraute sie sich ihren Freundinnen an. Anju hatte inzwischen längst mit Jan telefoniert und Bine onnte dich vorstellen, dass das nicht nur 10min-Gespräche waren.
„Wisst ihr, Jan meint auch, Lukas wäre seit dem Wochenende voll komisch“, meinte Anju. „Richtig unfreundlich manchmal. Als ob er auf einmal gegen jeden etwas hätte.“
„Aber“, sagte Bine „beim Eislaufen war er total nett und dann auf einmal, als wir die Handynummern ausgetauscht haben… Och Mann!“
„Komm schon Bine, das wird schono wieder!“, sagte Jose aufmunternd und patschte ihr auf den Rücken.
„Genau!“, meinte Maggie „Wahrscheinlich hat er einfach nur seine Tage.“ Und sie prustete los.
„Ha-ha!“, maulte Anouk. Da fiel Bine etwas anderes ein.
„Hey- Jose, was macht eigentlich dein…- wie heißt er doch gleich- Benjamin? Habt ihr euch noch mal getroffen?“
Jose hatte ihnen gleich nach dem Kinobesuch davon erzählt. Der Junge hieß Benjamin, ging in ihren Konfikurs und sie hatten sich einmal verabredet.
„Jaah, haben wir. Er ist echt total nett. Wir waren jetzt vor Kurzem zusammen auf dem Straßenfest bei uns in Drais und wir haben halt geredet und uns gebrannte Mandeln gekauft und so…Er geht’s leider aufs Schloss“, sie seufzte „Deshalb sehn wir uns nicht so oft…“
Da klingelte es auch schon zum Ende der Pause und es ging zur Stimmung passend mit Geschichte weiter. Frau Dr. Litzenburger trippelte schon auf ihren Stiletto-Absätzen im kurzen Rock die Treppe hoch, als sich Bine,  Maggie, Josi und Anju dazu aufrafften – nicht ganz so galant- die Stufen hochzuschlurfen.
Allmählich fühlte Bine sich noch schlechter als vor dem Treffen mit Lukas. Dauernd fragte sie sich warum er nur so merkwürdig reagiert hatte. Hatte es sich die ganze Zeit über beim Eislaufen nur verstellt? Aber er war doch immer so lustig gewesen und wie Bine hatte es ihm total Spaß gemacht… Allerdings- am Anfang, als Jan abgesagt hatte, war er auch schon so komisch gewesen… unsicher, irgendwie…
Wenn sie wenigstens mit Lukas reden könnte! Ihn fragen, was los ist. Allerdings würde sie dabei wahrscheinlich wieder kein Wort rausbringen. Und außerdem schließlich kannte sie ihn ja kaum…
Plötzlich fuhr sie auf. Natürlich! Sie hatte ja immer noch seine Handynummer!
Na toll. Trotzdem würde sie wohl keinen einzigen zusammenhängenden Satz zu Stande bringen. Und eine SMS schreiben? Aber wie sollte sie mit 437 Zeichen alles sagen, was ihr auf dem Herzen lag?! Wenn sie doch nur wüsste warum Lukas sich so benahm!

 

„Och Bine , jetzt hör auf so eine Schnute zu ziehen! Wenn du weiter so sehr nachdenkst bekommst du noch schreckliche Falten auf der Stirn!“
 Bine und Maggie waren gerade auf dem Heimweg und Bine hing mal wieder ihren Gedanken nach- was Maggie anscheinend aufgefallen war.

 

„Uff, sorry, ich bin grad total fertig. Diese 9 Stunden Schule sind echt Mord!“, sagte Bine entschuldigend.
„Jahaaa!“, prustete Maggie. „Vor allem wenn man keine einzige Minute dem eigentlichen Unterricht gefolgt ist und besonders anstrengend, wird’s dann, wenn man die ganze Zeit nur an ein Thema denk, das mit anfängt und mit aufhört.“
„Heyyy, bist du neuerdings Gedankenleserin?!?“
„Solange dir die Gedanken auf die Stirn geschrieben stehen – JA!“
Bine musste grinsen.
„Komm…freu dich auf Samstag!“
Am Samstag war mal wieder ein Mädelstag geplant.
„Jaja, klar!“, sagte Bine und trat in die Pedale. Sie hatte in letzter Zeit einfach viel zu viel herum philosophiert! Sie beschloss die ganze Sache vorerst zu vergessen und zu ihrer Überraschung stellte sie wenig später fest, dass sie es tatsächlich geschafft hatte den ganzen Weg von Maggies Wohnung bis nach Hause an etwas vollkommen Anderes zu denken. Das waren immerhin schon mal drei einhalb Minuten!!!
„Ach hallo, Christine, is ja sehr nett, dass du auch schon hier bist!“ Ihre Mutter steckte den Kopf aus der Küchentür. Ihr Gesichtsausdruck erinnerte Bine daran, dass sie ja heute morgen vor Zorn kochend aus dem Haus gestürmt war. Sie und ihre Mutter hatten sich mal wieder wegen irgendetwas gestritten und ihre Muter hasste Streit. Kein Wunder, Dass sie jetzt dieses Es-tut-mir-Leid-lass-uns-alles-vergessen-und-ich-bin-doch-deine-Mutter-Gesicht aufgesetzt hatte. Dabei war dieser Streit eigentlich nur wegen Bines gereizter Stimmung zu Stande gekommen. Also echt, so konnte das nicht Weiter gehen mit ihr! Was sollten die ganzen Gefühlsschwankungen in letzter Zeit?!?!
„Hach Mum!“, lachte Bine und schaute skeptisch auf die Uhr. „Ich bin höchstens dreizehn Minuten zu spät!“
Breit grinsend schob sich Bine an ihrer Mutter vorbei in die Küche – und wärmte sch das Essen noch mal auf, da ihre Eltern und Luise natürlich schon vor dreizehn Minuten gegessen hatten.

 




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